„Schimpfen-Spinnen-Schaffen“

Ein Format für gelingende Beteiligung

Bürgerbeteiligung braucht einen Rahmen, braucht eine Idee, braucht Kraft, Motivation, braucht Perspektive, braucht Vertrauen und Zutrauen, braucht Haltung. Wie kann das in der heutigen Vielfalt der Herausforderungen unserer Gesellschaft gelingen?

Im Laufe der letzten Jahrzehnte gab es interessante Fortschritte im Bereich der Gemeinde- und Stadtentwicklung. Es haben sich unterschiedliche Pfade und Aktionsfelder etabliert. Zwischen ihnen besteht nicht automatisch eine Konkurrenz, allerdings auch oft (noch) keine systematische Synchronisation.

Bunte Welt der Kommunalentwicklung

Da gibt es zum einem Aktivitäten der Gemeinwesenarbeit, beginnend mit den Arbeitervierteln, den Nachbarschaftsvereinen, der Kiezarbeit in „überalterten“ Quartieren. Teilweise beachten wir auch eine Stärkung der Beteiligungsmöglichkeiten auf kommunaler Ebene wie Bürgerausschüsse, Bezirksbeiräte oder Fachbeiräte (Seniorenräte, Behindertenbeiräte, Integrationsbeiräte etc.). Auch Aktivitäten der sogenannten Sozialen Stadt, gefördert durch nationale und europäische Förderprogrammen gegen „zerfallende“ Viertel (wegen Kriminalität, Deprivation, Chancenlosigkeit) sind in diversen Kommunen ins Leben gerufen worden. Hinzu kommen innovative Formen der Integrierten Stadtentwicklung, beginnend mit der Leipzig Charta 2007 für das Zusammenwirken aller städtischer Fachbereiche, oft begleitet von Bürgerbeteiligung und der Kooperation mit individuellen und privaten Investoren. Auch die Sozialraumarbeit mit der Dezentralisierung sozialstaatlicher Versorgungs- und Dienstleistungsstrukturen z.B. in der Jugendhilfe und den Jobagenturen will Wirkung erzielen, nicht zuletzt wie die klassische Quartiersarbeit als Antwort auf übergreifende Veränderungen wie demografischer Wandel, Demokratiebildung, Klima, Zuwanderung, Herausforderungen in Schule, Bildung und Betreuung.

All diese Aktionsfelder brauchen Formate, in denen sie Menschen erfolgreich an den Planungen und Prozessen beteiligen. „Schimpfen-Spinnen-Schaffen“ ist ein solches Format mit Hintergrund in der Gemeinwesenarbeit, dessen zugrundliegendes Handlungsprinzip es aber auch für andere Bereiche der Stadt- und Dorfentwicklung nützlich macht. Es wird von der Social Profit Agentur Lebenswerke GmbH entwickelt und in diesem empfehlenswerten Video vorgestellt.

Empowerment im Fokus

Grundlage des Formates ist „Empowerment“, bei dem die Verantwortlichen und Initiatoren zu Beginn ihre jeweiligen Erwartungen an den Prozess gemeinsam herausarbeiten. Teilnehmer*innen des Formates können Entscheidungsträger aus der Politik, Bürger*innen, Vertreter*innen aus Interessengruppen und weitere „Expert*innen“, Vertreter*innen der Wirtschaft und der Verwaltung sein („Quadrolog“). Es ist wichtig, dass die kommunale Spitze (Bürgermeister*in) Präsenz und Interesse zeigt.

Die im Format im Zentrum stehenden Gespräche thematisieren Fragen, die für die teilnehmenden Personen von Interesse und Bedeutung sind. Jede strukturierte Gesprächsrunde nimmt einen Zeitraum von 40 plus 5 Minuten in Anspruch. Die Atmosphäre soll ungezwungen an einem Tisch sein, an dem 6 -8 Personen Platz finden. Je nach Wunsch und Möglichkeiten können bis zu 3 Runden, gerne mit wechselnder Beteiligung stattfinden. Dabei sollten jeweils die Moderator*innen am Tisch verweilen.

Das Format beginnt mit einer Erläuterung zum geplanten Ablauf. Die Teilnehmenden können sich über Gespräche, Zeichnungen oder andere Notizen einbringen und ihre Meinungen äußern. Die Thematiken beziehen sich auf die Stadtgesellschaft. Wie in einem Café stehen Getränke und kleine Snacks griffbereit. Leise Hintergrundmusik kann die Kommunikation untereinander fördern und das Gefühl des gezwungenen Miteinanders aufheben. Jeweils eins der vorher festgelegten Themen wird bearbeitet.

Eine Ergebnissicherung finden statt. Eine Person am Tisch übernimmt diese Aufgabe. Die Atmosphäre an den Tischen sollte offen, klar und freundlich sein. Die Organisator*innen achten darauf, dass alle sich wohlfühlen und versorgt sind. Bewusst lässt die Moderation am Anfang eine gewisse Zeit ein „Schimpfen“ zu, bis die Gruppe dann gemeinsam zum „Spinnen“ übergeht.  Die Methode lebt von der Ideenfindung und den Diskussionen. Die zentralen Ergebnisse werden als „Schaffen“ in einem Handlungsplan festgehalten. Ziel dabei ist: Nach den Diskussionen soll eine Handlung erfolgen. Es kann eine „Engagement- Lenkungsgruppe“ aus „Kümmerern“ gebildet werden, die wiederum sich in einer „Beteiligungs- oder Fokusgruppe“ um ganz konkrete Projekte kümmern.

Wirkung ist gewollt

Ein Update der Projekte sollte spätestens nach einem Jahr stattfinden. Parallele Social Media Arbeit, kleine Videoclips, professionelle Fotos, eine Internetplattform für Wissensmanagement und Austausch, ein ständig zu füllender „Werkzeugkoffer“ garantieren Transparenz, Freude und Erfolg.

Die Entwickler*innen dieses Formates verfolgen damit gleich mehrere Ziele. Sie wollen einen Beitrag leisten zu einem besseren konstruktiven Zusammenwirken von repräsentativer, direktdemokratischer und dialogorientierter Beteiligung. Dazu wollen sie die Qualität dialogorientierter Beteiligungsverfahren für Bürger*innen verbessern und konkrete Lösungen zur Implementierung in der Praxis finden. Auch zum Aufbau von Partizipationskompetenzen in Politik und Verwaltung sowie in der Zivilgesellschaft trägt dieses Format bei. Vor allem ermöglicht es eine inklusive und breite Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen, um damit der sozialen Spaltung unserer Demokratie entgegenzuwirken.

„Schimpfen-Spinnen-Schaffen“ versteht sich im jeweiligen Prozess als gemeinsamer bestmöglicher Versuch im „Quadrolog“ von Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Bei entsprechender gewahrter Ernsthaftigkeit kann das gelingen.

Martin Müller ist Geschäftsführender Gesellschafter der Lebenswerke GmbH – Social Profit Agentur
Diesen Beitrag teilen:

Das Magazin zur politischen Teilhabe

Gerne schicken wir eine kurze Email, sobald eine neue Ausgabe erscheint:

Weitere Artikel aus unserem Magazin

Der Querulant

Zeit für eine neue Ära

Bürgerbeteiligung – für einige das Vorzeigeobjekt der Demokratie. Jeder liebt es (oder behauptet das zumindest…), aber keiner weiß so richtig, was er damit letztendlich anfangen soll.

Artikel lesen
Best Practice

„Schimpfen-Spinnen-Schaffen“

Bürgerbeteiligung braucht einen Rahmen, braucht eine Idee, braucht Kraft, Motivation, braucht Perspektive, braucht Vertrauen und Zutrauen, braucht Haltung. Wie kann das in der heutigen Vielfalt der Herausforderungen unserer Gesellschaft gelingen?

Artikel lesen
Best Practice

Mehr als Methode

In Zeiten zunehmender Polarisierung und verhärteter gesellschaftlicher Konflikte wird es immer seltener, dass sich Bürger*innen mit unterschiedlichen Meinungen als Menschen begegnen. Wie kann unter diesen Bedingungen demokratischer Austausch gelingen? Josef Merk von Mehr Demokratie e.V. berichtet über seine Erfahrungen.

Artikel lesen
Best Practice

Partizipation trifft Public Value

Partizipation hat nicht nur einen Wert an sich, sondern auch einen hohen Wert für die Gesellschaft, einen Public Value. Umso wichtiger ist das Wissen um die Theorie und Praxis von Bürgerbeteiligung – insbesondere für angehende Verwaltungsbeamt*innen und Bürgermeister*innen. Wie theoretischen Hintergründe und praktische Umsetzungen von Beteiligung an der Hochschule für öffentliche Verwaltung (HVF) Ludwigsburg gelehrt werden, beschreiben Hannes Wezel und Vanessa Watkins.

Artikel lesen
Best Practice

Der größte Lehrer Versagen ist. – Meister Yoda

Die wenigsten Dinge funktionieren beim ersten Versuch. Doch Fehler zu machen und zu scheitern sind grundlegend unterschiedlich. Wie steht es um die Fehlerfreundlichkeit in unserer Demokratie und welche Rolle sollte sie in der politischen Bildung spielen? Sweta Moser gibt einen Einblick in die Herausforderungen und spricht einen klaren Appell aus.

Artikel lesen
Best Practice

Traditionelles Wissen und demokratische Innovation

Die Potenziale deliberativer Bürgerbeteiligung sind groß. Nicht nur im europäischen Kontext sondern auch unter ganz anderen Rahmenbedingungen. Besonders in Lateinamerika erleben demokratische Innovationen, wie beispielsweise Bürgerräte, aktuell starken Aufwind. Ein Einblick in die Herausforderungen und Lösungen der ersten Klimabürgerversammlung im Amazonasgebiet.

Artikel lesen
Studie

Klimapolitik als Gemeinschaftsaufgabe

Wie kann die Bevölkerung bei zentralen klimapolitischen Entscheidungen konkret eingebunden werden? Eine aktuelle Studie liefert Vorschläge für eine frühzeitige, strukturierte Beteiligung der Öffentlichkeit bei zentralen Gesetzesvorhaben.

Artikel lesen
Der Querulant

Transformation auch in der Bürgerbeteiligung

In unserer digital vernetzten Welt ist es kaum noch möglich, einen Kaffee zu trinken, ohne dass jemand online eine Petition startet, eine Bürgerinitiative ins Leben ruft oder eine Hashtag-Kampagne lostritt. Dabei fühlt es sich manchmal an, als ob jeder eine Meinung hat – nur keiner wirklich zuhört. Wie kann da noch ein sinnvoller Diskurs stattfinden?

Artikel lesen