Jugendbeteiligung als Akt von Poesie

Das Gedicht der Mitbestimmung

In seiner Glosse „Der Querulant“ nimmt Martin Müller regelmäßig Merkwürdigkeiten unserer Beteiligungspraxis aufs Korn.

Die Jugend als solche tritt auf die Bühne der Stadt, nicht mit Getöse, sondern mit einem stillen, mutigen Lächeln – als stille Sturmwarnung?

Vor dem Vorhang stehen Foren und Hackathons wie flackernde Kerzen, deren gezielt gezückte Funken die Wahrheit über Veränderung brennen. Die Politiker, in maßgeschneiderte Anzüge gehüllt, verneigen sich höflich, doch hinter ihnen zerrt eine unsichtbare Brise der Verantwortung, zieht und zerrüttet die Fassade.

Die Jugend spricht, ihre Worte wie scharf geschliffene Gedichte, die sich in den Raum fügen. Sie tragen Zeichnungen von Ideen in den Händen, so zart wie Schaumkronen – bis jemand sie berührt und merkt, dass darunter ein wahrhaftiges Fundament liegt. Die Zuhörer nicken, sehen, werten, verspüren eine Mischung aus Scham und Neugier, denn sie erkennen sowohl die Möglichkeiten als auch die Schatten der Umsetzung. Substanz ist kein Schmuckstück, sondern ein Gefängnis, das geöffnet gehört: Ein Edelstein, der nicht in einer Vitrine glänzt, sondern in aktiver Hand der Stadt. Stimmen der Jugendlichen singen von Mut und Beteiligung, die nicht bloß glänzt, sondern greifbare Formen annimmt – hier und jetzt, und nicht später. Die Szene wird zum Liebesbrief an die Zukunft und die Zeilen tragen Ehrfurcht gemischt mit Forderung, Nähe mit Klarheit, Machtteilung statt Autokratie.

Tokenismus wirkt plötzlich kläglich daneben – eine staubige Kugel im Archiv des Bedauerns. Die Liebe zur Sache bleibt stärker: Man will gehört werden, aber vor allem gehört bleiben, Teil der Entscheidung, nicht nur der Applaus danach. Repräsentation tritt hervor, nicht als malerischer Rahmen, sondern als scharf umrissene Tür: Randgruppen finden sich in neuen Lichtkreisen wieder, laut und bestimmt, nicht mehr am Rand verspottet. Die inklusive Rundfahrt verwandelt sich in eine Entdeckungstour, bei der Ressourcen, Zeit und Budget zu gleichberechtigten Reisegefährten werden – kein Zugeständnis, sondern Entsiegelung von Macht. Aktionskunst der Jugendbeteiligung klingt wie ein Liebesdrama mit Aussicht auf Harmonie – doch der Nachhall wird zur Forderung: Die Bühnenbilder bleiben, der Ton geht durch alle Räume, bis echte Reaktion folgt.

Verbindlichkeiten pochen wie Stürme: Fristen werden zu Versprechen, die eingefordert, nicht nur gedacht werden. Die Stadt ruft nach Transparenz: Wer plant, wer setzt um, wer kontrolliert? Die Jugendlichen liefern kein romantisches Ideal, sondern eine Klimaanlage gegen Gleichgültigkeit, die Realitätstemperaturen senkt und klare Messgrößen festlegt. Die Bühne wird zu einem Labor: Ideen werden getestet, Modelle verworfen, Prototypen betatscht, Fehler sichtbar gemacht. Nichts bleibt in der Vitrine; jeder Schritt muss nachvollziehbar, messbar, überprüfbar sein.

Und doch bleibt Raum für Hoffnung. Man kreiert kein neues Gemeinwesen über Nacht, aber man legt die Saat, gießt sie, schützt sie vor der Gefahr der Gleichgültigkeit. Die Liebenden der Stadt lassen sich nicht weg reden: Sie ergreifen einander, erkennen, dass Mitbestimmung kein Finale, sondern ein fortwährendes Gedicht ist – und schreiben weiter, bis die Stadt wirklich verändert wird. Rebellische Zärtlichkeit trifft auf pragmatische Härte: Mut, Verantwortung, Transparenz und Beteiligung verschränken sich zu einem neuen Vokabular der Demokratie.

Und am Ende? Die Frage bleibt scharf wie ein Skalpell: Wirkt dieses romantische Spiel wirklich? Die Antwort steigt aus dem Boden der Stadt wie leichter Rauch – nicht endgültig, aber klar: Wenn Stimmen gehört werden, wenn Ressourcen gerecht geteilt, wenn Entscheidungen sichtbar offengelegt werden, dann ist die Veränderung nicht mehr nur eine Idee, sondern eine alltägliche Praxis.

Die Stadt atmet auf, die Jugendlichen gehen weiter, stärker, bestimmt – und schreiben jeden Tag ein neues Kapitel in diesem fortwährenden Gedicht der Mitbestimmung.

So soll es sein.

Martin Müller ist Geschäftsführender Gesellschafter der Lebenswerke GmbH – Social Profit Agentur und stellv. Vorsitzender des Fachverbands Bürgerbeteiligung
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