Auf dem Weg zum Musterland der Beteiligung hat Baden-Württemberg bereits vor Jahren – mit der damaligen Staatsrätin Gisela Erler – Strukturen für die von Ministerpräsident Winfried Kretschmann ins Leben gerufene Politik des Gehörtwerdens geschaffen, um Bürgerbeteiligung auch zum Ausbildungsinhalt zukünftiger Spitzenkräfte in den Verwaltungen zu machen. Ob im damals neu gegründeten Masterstudiengang von Prof. Ortwin Renn „Planung & Partizipation“ an der Universität Stuttgart, durch Fort- und Weiterbildungen an der Führungsakademie Baden-Württemberg oder an den Hochschulen für Verwaltung in Kehl und Ludwigsburg: Was daraus geworden ist, zeigt dieser Artikel.
Seit sechs Jahren unterrichten Vanessa Watkins und Hannes Wezel an der Hochschule für öffentliche Verwaltung (HVF) Ludwigsburg im Vertiefungsschwerpunkt „Kommunalpolitik und Führung im öffentlichen Sektor“ und vermitteln dabei Methoden der Beteiligung an zukünftige Bürgermeister*innen und Amtsleiter*innen. Die beiden Praktiker*innen der Bürgerbeteiligung geben den Studierenden bei Praxistagen und Fachprojekten die Gelegenheit, Beteiligungsmethoden kennenzulernen und selbst zu erproben.
Sie sind dabei in sehr guter Gesellschaft: Der Initiatorin und Leiterin des Vertiefungsmoduls, Prof. Birgit Schenk, ist es gelungen, die gesammelte baden-württembergische Beteiligungserfahrung in einem Team aus Lehrbeauftragten zusammenzuholen. Staatsrätin a. D. Gisela Erler ist ebenso dabei wie Prof. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, Ulrich Arndt, Leiter der Servicestelle Dialogische Bürgerbeteiligung, oder Prof. Raffael Bauschke von der HVF Ludwigsburg – um nur einige Namen zu nennen.
Neu dabei war 2025 auch Anna Lisa Bohn, selbst Absolventin der Ludwigsburger Hochschule und inzwischen Bürgermeisterin der Gemeinde Ellenberg. Vom Wert der Bürgerbeteiligung ist sie überzeugt: „Als Bürgermeisterin ist mir der direkte Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern sehr wichtig, denn nur gemeinsam können wir unsere Gemeinde zukunftsfähig gestalten. Bürgerbeteiligung stärkt das Vertrauen, macht Politik greifbar und sorgt dafür, dass Entscheidungen wirklich den Bedürfnissen der Menschen vor Ort entsprechen. Eine lebendige Demokratie lebt vom Dialog – und genau diesen möchte ich aktiv fördern.“
Methoden als Schlüssel
Methodisch und didaktisch ist der Vertiefungsschwerpunkt so aufgebaut, dass die Studierenden zunächst die theoretischen Hintergründe der Beteiligung kennenlernen, um dann – beraten durch die Lehrbeauftragten – anhand konstruierter Fallbeispiele und realer Methoden ein Beteiligungskonzept zu entwickeln und dieses in ihrer Abschlusspräsentation vorzustellen. Dazwischen liegt jeweils ein Praxistag, an dem die Studierenden die Anwendung der ausgewählten Methode auf das Fallbeispiel unter Einbindung ihrer Kommiliton*innen erproben.
Dabei geht es zum Beispiel in der Gemeinde „Fuchsdorf“ um die störenden „Blue Kids“, um die Parkraumbewirtschaftung in Hasenbrücken, einer Kommune an der deutsch-französischen Grenze, oder um die Frage, ob sich die Stadt „Wasserfelden“ ein neues Freizeitbad leisten soll. Konflikte sind in den Fällen angelegt, und die Studierenden sollen über die Anwendung von Methoden skizzieren, wie mithilfe von Bürgerbeteiligung gemeinsam getragene Lösungen entwickelt werden könnten.
Methoden wie World Café, Open Space, Dynamic Facilitation oder Planning for Real eröffnen kreative Ansätze. Kleingruppenarbeiten, Plenumsdiskussionen und Expertenbefragungen sind nur einige der Werkzeuge, die hier zum Einsatz kommen. Aida Durgutovic kommentiert: „Auch alternative Formate wie das dynamische Geh-Spräch ermöglichen einen offenen, kreativen und ungezwungenen Meinungsaustausch.“ Pia Stelzmüller stellt fest: „Es gibt viele unterschiedliche Beteiligungsformate. Dabei geht es nicht immer darum, einen Konsens zu finden, sondern den offenen Austausch zu fördern.“ Speziell an den eigens dafür geschaffenen Praxistagen steht ob der guten Stimmung immer wieder die Frage der Studierenden im Raum, ob Partizipation eigentlich etwas mit Party zu tun hat.
Die enge Verbindung von Partizipation und Public Value – dem, was als wertvoll für die Gesellschaft gilt – wird im Seminar erlebbar gemacht. Partizipation bedeutet Wertschätzung und schafft Selbstwirksamkeit. „Partizipation bietet der Verwaltung die Möglichkeit, Bürger*innen aktiv einzubeziehen und ihre Anliegen ernst zu nehmen. Sie schafft einen Austausch, bei dem die Bürger*innen auf die Reise mitgenommen werden, nicht nur gehört werden, sondern auch mitgestalten können“, beschreibt Aida Durgutovic. Ihr Kommilitone Uwe Robin Kainzinger fügt hinzu: „Der Mehrwert von Partizipation liegt klar in der erhöhten Akzeptanz und der Qualitätssteigerung der Entscheidungen durch den Einbezug der Bürgerperspektiven.“
„Partizipation stärkt das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Verwaltungsentscheidungen, indem sie Transparenz schafft und die Akzeptanz für Projekte erhöht. Für die Verwaltung ergibt sich außerdem die Chance, frühzeitig Bedenken und Bedarfe zu erkennen, wodurch nachhaltigere Lösungen entwickelt werden können“, erklärt Ildem Güloglu. Auch Pia Stelzmüller sieht einen klaren Mehrwert: „Der Mehrwert von Partizipation für die Verwaltung liegt in durchdachteren Entscheidungen aufgrund mehrerer Perspektiven. Durch die entstehende Transparenz haben Bürger*innen mehr Vertrauen in die Verwaltung und akzeptieren Entscheidungen eher, da sie ein Mitspracherecht haben.“

Besonders wichtig ist im Seminar die Kombination aus theoretischem Wissen und praktischer Anwendung. In den vergangenen sechs Jahren hat sich gezeigt, dass Studierende, die sowohl Fallbeispiele kennenlernen als auch Beteiligungsmethoden selbst anwenden, eine neue Perspektive auf die Zusammenarbeit mit Bürger*innen entwickeln. Sie moderieren selbst und erleben die Moderation ihrer Mitstudierenden in der Rolle von Bürger*innen oder anderen Akteur*innen. In dieser Doppelrolle erfahren sie, dass Partizipationsmethoden kein Selbstzweck sind, sondern dazu dienen, Menschen bei der Meinungsbildung zu unterstützen. „Der Praxistag hat uns gezeigt, dass unterschiedliche Beteiligungsformate jeweils eigene Stärken haben und die Wahl der richtigen Methode entscheidend ist – je nachdem, ob es um Information, Dialog oder Mitgestaltung geht“, so Ildem Güloglu.
Am Ende des Moduls stehen Präsentationen und schriftliche Ausarbeitungen. Diese zeigen, dass die zukünftigen Amtsleiter*innen und Bürgermeister*innen durch das Ausprobieren und Erleben sowohl der Moderations- als auch der Bürger*innenrolle die Bedeutung von Partizipation für Verwaltung und Gesellschaft kennengelernt haben. Selbst wenn es nur ein kleiner Teil der Seminarinhalte in das spätere Verwaltungshandeln der zukünftigen Verwaltungsbeamt*innen und Bürgermeister*innen schafft, ist viel gewonnen.
Als sichtbares Zeichen dafür, wie vielfältig und kreativ Partizipation sein kann, haben Studierende und Dozent*innen einen Instagram-Account angelegt:
https://www.instagram.com/club.of.partycipation/









