Hybride Beteiligung in der Quartiersentwicklung

Best practice aus Magdeburg

Der Stadtrat stimmt für einen städtebaulichen Vorschlag, eine Bürger*inneninitiative kritisiert das. Die Zeichen stehen auf Konflikt. Spannende Vorbedingungen für eine Bürgerbeteiligung. Jelena Gregorius berichtet über den hybriden Beteiligungsprozess in Magdeburg und stellt interessante Schlüsse aus den Erfahrungen vor.

Magdeburg, Elbestadt und Hauptstadt Sachsen-Anhalts mit knapp 240.000 Einwohner*innen ist jetzt gut ein Jahr dabei in Sachen digitaler Bürger*innenbeteiligung. Bei der Beteiligung geht es konkret um das Stadtplanungsthema „Zentraler Platz/Elbufer“. Damit ist der Prämonstratenserberg gemeint – ein Viertel in der Altstadt von Magdeburg. In diesem Prozess sollen die Bürgerinnen und Bürger der Stadt mit verschiedenen interaktiven Partizipationsmethoden eingebunden werden.

Aber der Reihe nach: Im Juli 2021 hat der Stadtrat von Magdeburg mit großer Mehrheit einen Grundsatzbeschluss zugunsten einer Bebauung des Geländes um den Prämonstratenserberg getroffen. Diesem Vorhaben war Kritik einer Bürger*inneninitiative vorausgegangen. Trotz verschiedener Wünsche stimmte am Ende aber eine Mehrheit im Stadtrat für die Bebauung. In den nächsten Jahren soll ein neues Altstadt-Viertel entstehen, mit zahlreichen Wohn- und Geschäftshäusern.

Im ersten Schritt entwickelte das Stadtplanungsamt auf Grundlage eines städtebaulichen Konzeptes der Grundstückseigentümer (Wohnungs­bau­gesell­schaft Magde­burg mbH und Upwind Holding GmbH) einen Bebauungsplan-Vorentwurf. Mit diesem Entwurf sowie ersten städtebaulichen Ideen startete Magdeburg in die Bürger*innenbeteiligung.

Hybride Beteiligung für Magdeburgs Stadtentwicklung

In einer ersten Projektphase sollten die Magdeburger*innen in grundsätzliche Fragen der Quartiersentwicklung einbezogen werden, dabei ging es bspw. um Erschließung, Nutzungsvielfalt und Wohnqualität, Gebäudestruktur und Stadtökologie. Drei verschiedene Beteiligungsformate wurden dafür realisiert: Vor-Ort-Ideenwerkstätten, eine kostenlose Sonderausstellung, die täglich vor Ort besucht werden konnte, und eine digitale Beteiligungsplattform, auf der auch das Veranstaltungsmodul genutzt wurde, um die Sichtbarkeit der analogen Events zu erhöhen.

In den Ausstellungen könnten Einwohner*innen in die Welt der Bauleitplanung eintauchen und den Planentwurf kommentieren. Quelle: Beteiligungsplattform

Ausstellung und Plattform spiegelten sich inhaltlich. In beiden Fällen waren die Menschen aufgerufen, ihre Ideen, Wünsche und Bedenken einzureichen. Auf der Plattform ließen sich dafür entsprechende Bereiche auf einer Karte markieren. Mithilfe dieser Geoverortung konnten ganz gezielte Kommentare abgegeben werden.

Screenshot aus Phase 1 der Beteiligung auf otto-beteiligt.de

Feedback auf Dokumente und Stadtpläne in Phase 2

Im Oktober 2024 startet Phase zwei. Zwischen beiden Beteiligungsphasen erfolgte die Überarbeitung des bisherigen Bebauungsplanvorentwurfes. Dabei flossen auch die Erkenntnisse aus der ersten Öffentlichkeitsbeteiligung ein. Die einzelnen Entwicklungsschritte werden auf der Beteiligungsseite transparent begleitet.

In der 2. Phase der Beteiligung können die Bürger*innen ihre Stellungnahme zum Bebauungsplan-Entwurf digital abgeben. Sie können den Planentwurf direkt kommentieren oder einen Beitrag einreichen.

Mit der Nutzung unserer innovativen Konveio-Einbindung um direkt im Bebauungsplan als PDF-Dokumente zu beteiligen liegt Magdeburg ganz vorne, denn es macht den gesamten Prozess viel interaktiver und einfacher. Nicht nur für die Bewohner*innen, sondern auch für die Menschen in der Behörde, die für die Auswertung zuständig sind. Gerade bei Projekten mit (stadt)planerischem Inhalt ist diese Integration zwischen Go Vocal und Konveio ein Meilenstein in puncto inklusiverer und partizipativerer Prozessgestaltung.

Im Anschluss an diese Phase folgt dann der Abstimmungsprozess, erst dann kann der überarbeitete Entwurf des Bebauungsplans dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt werden.

Tipps für Bürger*innenbeteiligung bei einer Quartiersentwicklung

Der gesamte Beteiligungsprozess wird von Lena Jahncke und Kolleg*innen vom  Berliner Stadtplanungs- und Partizipationsbüro AG Urban begleitet.

Sie berichtet, durch den „Dreiklang“ (Ausstellung, Plattform, Veranstaltung) habe das Großvorhaben um den Prämonstratenserberg deutlich an Sichtbarkeit gewonnen.

Insgesamt haben sich gut 350 Magdeburger Familien und Haushalte aktiv in den Prozess eingebracht. 4500 einzelne Besucher*innen konnte die Plattform bis dato verzeichnen.

Lena Jahncke hat 3 Tipps für den bisherigen Prozess zusammengefasst:

  1. Inhalte niederschwellig und verständlich aufbereiten
    Bei einem so komplexen Projekt, für das eine breite Beteiligung unterschiedlicher Zielgruppen gewünscht ist, ist es wichtig, gut verständliche Informationen bereitzustellen. Die Beteiligungsseite ist exklusiv für das Stadtplanungsvorhaben initiiert worden und hält viel Erklärungsmaterial zum Bebauungsplan bereit. Der Content Builder der Plattform hilft, komplexe Informationen gut verständlich darzustellen, indem Sie Projektbeschreibungen unglaublich einfach per Drag-and-Drop anpassen können. So lassen sich flexible Layouts hinzufügen, multimediale Inhalte hinzufügen und Einbettungen von Drittanbietern integrieren, um den Einbindungsprozess interaktiv und lebendig zu gestalten.
  2. Auf hybride Beteiligung setzen
    Das Zusammenspiel aus Online- und Offline-Beteiligung habe sich bewährt, befindet Lena Jahncke, denn mit den unterschiedlichen Partizipationsmöglichkeiten seien altersmäßig unterschiedliche Zielgruppen erreicht worden. Die digitale Beteiligungsplattform konnte viele unterschiedliche Menschen in den Altersgruppen 20 bis 70 Jahren zur Teilhabe bewegen, während die Vor-Ort-Veranstaltungen vornehmlich von älteren Menschen zwischen 50 und 80 Jahren genutzt wurden.
  3. Den Prozess in seinen Einzelschritten dauerhaft transparent halten
    Zu Beginn der Beteiligung vermittelten Ausstellung und digitale Plattform die gleichen Inhalte und Partizipationsmöglichkeiten. Während die analogen Formate nur temporär waren, kann die digitale Plattform das Vorhaben permanent als Informationsquelle begleiten, etwa indem die Beiträge und Einreichungen der Bürger*innen transparent bleiben und die nächsten Entwicklungsschritte für alle Interessierten verständlich sind.

Die Plattform bietet Beteiligungsteams etliche Arbeitsunterstützung – etwa die KI-Analyse, die auch in Magdeburg genutzt wurde, um die Auswertung der Beiträge zu vereinfachen. Oder die hoch innovative Möglichkeit des interaktiven Planungsprozesses.

Sie haben Pläne für Ihre Stadt oder Kommune und wollen Partizipation zum Fundament machen? Dann melden Sie sich für ein Beratungsgespräch.

Jelena Gregorius ist Senior Kundenberaterin & Beteiligungsexpertin für die DACH-Region bei Go Vocal (ehemals CitizenLab), einer Plattform für digitale Bürger*innenbeteiligung. Zuvor hat sie für verschiedene politische Stiftungen und in der europäischen Verwaltung gearbeitet und bringt so einen internationalen Blick auf Beteiligung und Demokratie mit. Sie verfügt über einen Hintergrund in Internationalem Projektmanagement und Public Policy und setzt sich leidenschaftlich für lebendige Demokratie und nachhaltige Stadtentwicklung ein.
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