Digitale Diskurse – Nur eine Phantasie?

Eine Studie präsentiert unterschiedliche Zukunftsszenartien

Das Internet bietet die Chance, mehr Menschen besser in demokratische Willensbildung einzubeziehen. Das war die Hoffnung. Heute wissen wir: Soziale Medien sind dabei wenig hilfreich. Echte digitale Diskurse finden kaum statt. Doch muss das so bleiben? Welche Perspektiven gibt es? Und was muss sich ändern, damit das gelingt?

Mit der Digitalisierung und den rasant voranschreitenden technologischen Entwicklungen, insbesondere Künstlicher Intelligenz (KI), wachsen die Möglichkeiten der Manipulation und die Herausforderungen, digitale Diskursräume gesund zu gestalten. Resiliente Demokratien benötigen Diskursräume – analog wie digital –, die verlässliche und vertrauenswürdige Informationen bereitstellen und konstruktive Auseinandersetzungen fördern.

In dieser Zeit des rasanten Wandels und der stetigen Veränderung ist es schon mühsam, mit der Gegenwart Schritt zu halten. Für einen vorausschauenden Blick in die Zukunft bleibt kaum genug Gelegenheit. Das geht, so beobachten wir es, auch den Entscheider*innen in Politik und Gesellschaft so, die zu häufig damit beschäftigt sind, sich mit den Folgen vergangener und gegenwärtiger Probleme zu befassen, anstatt sich zukünftigen Herausforderungen zu stellen.

Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist strategische Vorausschau (Strategic Foresight), eine strukturierte Methode, die von Expert*innen geleitet wird. Um in der aktuellen Politikgestaltung rund um digitale Technologien und Demokratie einen Blick in die Zukunft zu ermöglichen und damit proaktiv auf Entwicklungen reagieren zu können, ist ein solcher Prozess hilfreich. In einem umfangreichen Foresight-Prozess hat die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit Expert*innen aus den Bereichen Technologie, Medien, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft diverse Zukunftsszenarien für das Jahr 2035 entwickelt.
Im Fokus standen Fragen zur Transformation demokratischer Prozesse durch Digitalisierung, neuen Möglichkeiten der Partizipation sowie der Verschiebung von Machtverhältnissen durch digitale Technologien.

Der vorliegende Ergebnisbericht bietet eine umfassende Dokumentation dieses kollektiven Prozesses. Ausführlich werden die drei entwickelten Szenarien geschildert und mögliche strategische Optionen von Politik und Zivilgesellschaft diskutiert. Besonders spannend aus Sicht der Beteiligten ist der Vorschlag, eine partizipative Regelung digitaler Diskurse einzuführen.
Eine Lektüre der Studie ist deshalb doppelt empfehlenswert: Zum einen ist der Ansatz, Zukunftsgestaltung im digitalen Raum konsequent partizipativ zu denken, aktuell nicht populär, aber deshalb nicht weniger überzeugend.

Zum anderen ist der hier gut dokumentierte Szenario-Prozess beinahe eine Blaupause für beteiligungsorientierte Szenario-Entwicklungen auch zu anderen Themen der Transformation. Die Tatsache, dass auch die Kolleginnen und Kollegen der Bertelsmann Stiftung in ihrem Prozess am Ende ein wenig zu sehr auf Expertenwissen und nicht konsequenter auf Beteiligung gesetzt haben, zeigt uns zudem eindrücklich die Gefahren von Zukünfte-Projekten auf: Laienexpertise wird schnell marginalisiert. Deshalb ist es so wichtig, immer wenn es um Zukünfte geht, Beteiligung als Kern der Prozesse zu verstehen und nicht als Begleitung.

Auch hierfür kann uns die Studie sensibilisieren.

Link zum Volltext der Studie.

Jörg Sommer ist Vorsitzender des Fachverbands Bürgerbeteiligung, Direktor des Berlin Instituts für Partizipation und einer der Entwickler des Zertifikatslehrgangs Beteiligungsmanagement.
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