Demokratie neu gestalten

Wege in eine bürgernahe Zukunft

Politikverdrossenheit, Zukunftsängste und eine wachsende Kluft zwischen Bürger*innen und Politik prägen unsere Zeit. In seinem neuen Buch „Demokratie neu gestalten. Wege in eine bürgernahe Zukunft“ zeigt Risikoforscher Ortwin Renn, wie deliberative Prozesse und gezielte Beteiligungsformate die Demokratie stärken.
Copyright Peter-Paul Weiler, www.berlin-event-foto.de Tel. +49 1577 4720112 / Veröffentlichung und Verwendung nur mit Autorenangabe / Publication is permitted provided photographer is named

Wenn unser Verbandsmitglied Ortwin Renn ein Buch schreibt, lohnt es sich immer, genau hinzuschauen. Er vereint als langjähriger Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (Institute for Advanced Sustainability Studies, IASS) in Potsdam und Professor für Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart umfangreiches Fachwissen mit vielen Jahren praktischer Erfahrung in konkreten Beteiligungsprozessen. Bis heute engagiert er sich in diesem Zusammenhang auch als Wissenschaftlicher Direktor der Dialogik gGmbH.

Er hat seine Erfahrungen aus Wissenschaft, Praxis und Politikberatung jetzt in einem Buch zusammengefasst, das am 15. Juni erschienen ist. Es sollte ein Fachbuch werden. Das ist es auch, insbesondere im zweiten Teil. Der erste Teil ist jedoch ein eindrucksvolles Plädoyer für die Erneuerung unserer Demokratie. Denn autoritäre und extrem rechte Strömungen nehmen weltweit zu, das Vertrauen in demokratische Institutionen sinkt. Hinzu kommen vielfältige geopolitische Krisen, die sich gegenseitig verstärken und die Aussichten auf eine lebenswerte Zukunft verdunkeln. Einfache Lösungswege sind nicht in Sicht und schmerzliche Zielkonflikte müssen ausgehalten werden. Wie kann Demokratie in dieser Situation gestärkt und bürgernah gestaltet werden?

In seinem Buch gibt Renn einen theoretischen, aber auch für Praktiker*innen gut zu lesenden Überblick über deliberative Politikgestaltung und entwickelt daraus einen praxisorientierten Anforderungskatalog: Wie können zivilgesellschaftliche Akteure sinnvoll in Entscheidungsprozesse eingebunden werden? Wie lassen sich Wissen, Interessen, Werte und Präferenzen auf allen politischen Ebenen – kommunal, national, europäisch und global – systematisch integrieren?

Auf dieser Grundlage folgt ein Praxisbericht über Erfahrungen mit partizipativen Formaten, gestützt durch empirische Studien. Schwerpunkt sind Verfahren, die Expertisen, Bürgerinteressen und normative Bewertungen miteinander verknüpfen und in gemeinsam getragene Lösungsvorschläge überführen. Abgeschlossen wird der Band durch konkrete Anleitungen für die Organisation, Moderation und Teilnahme an deliberativen Prozessen sowie Vorschläge zur institutionellen Verankerung dieser politischen Innovation. Ein abschließender Ausblick skizziert, wie deliberative Elemente die Demokratie nachhaltig stärken und zu einer inklusiven, zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen können.

Dass unsere Demokratie strauchelt, beschreiben aktuell viele Autorinnen und Autoren. Ortwin Renn hört jedoch nicht bei der Diagnose auf: Er macht wissenschaftlich fundierte und zugleich praxisnahe Vorschläge, wie eine Therapie aussehen könnte. Diese Therapie kennt unterschiedliche Formate und Methoden – und ein essentielles Grundprinzip: Beteiligung! Die bestechende Logik dahinter: Wer Demokratie stärken will, muss mehr Menschen mehr Demokratie erleben lassen – das ist exakt der Ansatz, den auch der Fachverband Bürgerbeteiligung in seinem Norderstedter Appell formuliert hat.

Ortwin Renn
Demokratie neu gestalten. Wege in eine bürgernahe Zukunft.
Verlag Barbara Budrich, Leverkusen, 2026
ISBN: 9783847434061
269 Seiten, 32,- EUR

Jörg Sommer ist Vorsitzender des Fachverbands Bürgerbeteiligung und Direktor des Berlin Instituts für Partizipation.
Diesen Beitrag teilen:

Das Magazin zur politischen Teilhabe

Gerne schicken wir eine kurze Email, sobald eine neue Ausgabe erscheint:

Weitere Artikel aus unserem Magazin

Best Practice

Hybride Beteiligung in der Quartiersentwicklung

Der Stadtrat stimmt für einen städtebaulichen Vorschlag, eine Bürger*inneninitiative kritisiert das. Die Zeichen stehen auf Konflikt. Spannende Vorbedingungen für eine Bürgerbeteiligung. Kathleen Wächter berichtet über den hybriden Beteiligungsprozess in Magdeburg und stellt interessante Schlüsse aus den Erfahrungen vor.

Artikel lesen
News

Berlin und Bürgerbeteiligung

Am 09.06.2026 hat der Fachverband Bürgerbeteiligung zu einer Veranstaltung eingeladen: „Zukunft der Bürgerbeteiligung in Berlin“. Eingeladen waren Vertreter aller demokratischen Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses. Sie sprachen über die Entwicklung der Bürgerbeteiligung in Berlin in den letzten Jahren und darüber, was sie vielleicht anders machen würden, wenn sie nach der Wahl im September an der Regierung beteiligt sind.

Artikel lesen
Interview

Eine Demokratie, die alle mitdenkt, wird für alle stärker

Inklusion ist ein wichtiges Thema in der Demokratie. Der Anspruch ist, dass alle Menschen – unabhängig von körperlichen, geistigen, kulturellen oder sozialen Voraussetzungen – gleichberechtigt mitwirken können. Für die Bürgerbeteiligung ergibt sich daraus eine doppelte Relevanz: Inklusion als Thema, aber auch als methodischer Anspruch. Wir sprechen darüber mit Mohamed Zakzak

Artikel lesen
Theorie

Kann man mal machen oder Must-have?

Kinder und Jugendliche lernen Demokratie meist nur abstrakt und theoretisch kennen. Echte Beteiligung und Mitbestimmung, die nicht nur als Feigenblatt dient, sondern einen wirklichen Einfluss ermöglicht, ist selten. Dabei würde das große Potenziale bringen. Sebastian Mech beschreibt die theoretischen Grundlagen und Leitideen, die echte Beteiligung junger Menschen fördern und legitimieren.

Artikel lesen
Best Practice

Vom Mitreden zum Mitgestalten

Wie können Kinder in einer Gemeinde echte Beteiligung erfahren? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt einer Entwicklung, die heute im Kindermuseum PLOMM in Wiltz, Luxemburg sichtbar wird. Doch bevor ein Gebäude entstand, bevor Ausstellungen geplant wurden, begann alles mit der Suche nach neuen Formen der Beteiligung von Kindern am gesellschaftlichen Leben. Joëlle Lutgen-Ferber, Nadine Lepage und Manon Eicher berichten über den Aufbau eines spannenden Projekts.

Artikel lesen
Der Querulant

Zeit für eine neue Ära

Bürgerbeteiligung – für einige das Vorzeigeobjekt der Demokratie. Jeder liebt es (oder behauptet das zumindest…), aber keiner weiß so richtig, was er damit letztendlich anfangen soll.

Artikel lesen
Best Practice

Jugenddialoge auf Landkreisebene

Wie können jungen Menschen mit kommunalen Entscheidungsträger*innen ins Gespräch gebracht werden? Jugenddialoge auf Landkreisebene können eine Antwort sein. Sie sind nicht nur ein Beteiligungsinstrument, sie sind auch ein wichtiges Signal an junge Menschen: Ihre Stimmen, ihre Perspektiven und ihre Sorgen sind wichtig. Udo Wenzl schreibt über Bedeutung, methodische Ansätze und Chancen von Jugenddialogen.

Artikel lesen
Best Practice

Beteiligung als Innovationstreiber

Motivierte, kreative Menschen, finanzielle Mittel und viel Raum für Ideen – hervorragende Zutaten für eine gelungene Beteiligung. Doch aus guten Zutaten folgt nicht automatisch ein gutes Ergebnis. Wie konnte im Rahmen der Smart-City-Strategie der Stadt Oberhausen aus Beteiligung erfolgreich Verantwortung werden?

Artikel lesen