Mehr direkte Demokratie?

Ein Plädoyer aus ostdeutscher Perspektive

Was heißt es, wirklich souverän zu sein? Der Bürgerrechtler Ralf-Uwe Beck geht dieser Frage in einem leidenschaftlichen Essay nach. Er plädiert für Volksentscheide als notwendige Ergänzung zum Parlamentarismus und als Frustschutzmittel gegen autoritäre Populisten.

Im Konzept der Vielfältigen Demokratie kennen wir drei Säulen: Die repräsentative Säule mit gewählten Parlamenten und Regierungen, die direktdemokratische Säule mit Volksabstimmungen, Bürgerentscheiden und ähnlichen Prozessen sowie die dialogische Säule der Bürgerbeteiligung. In Deutschland ist die repräsentative Säule so dominant, dass sich deren Akteure häufig gar nicht vorstellen können, dass die anderen beiden Säulen auch erfolgreich zu politischer Teilhabe und einer resistenten Demokratie beitragen. Dennoch ist die dialogische Bürgerbeteiligung seit vielen Jahren auf dem Vormarsch, wenn auch vor allem auf kommunaler Ebene.

In deutschen Kommunen kennen wir auch direktdemokratische Elemente, wie Bürgerbegehren oder Bürgerentscheide, je nach Bundesland gibt es auch auf der Länderebene mehr oder weniger praktikable direktdemokratische Optionen. Insgesamt ist die direkte Demokratie in unserem Land aber eher eine Nischenaktivität. Geschuldet ist dies den negativen Erfahrungen mit zum Beispiel der Direktwahl des Reichspräsidenten in der gescheiterten Weimarer Republik. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs trauten dem deutschen Volk nicht wirklich und drängten deshalb auf eine starke, repräsentative Parteiendemokratie. Lange ging das gut. Um ehrlich zu sein: Ungewöhnlich lange für die deutsche Geschichte.

Aktuell ist unsere Demokratie jedoch gehörig unter Druck – auch, weil populistische Akteure gekonnt mit dem Volkszorn spielen. Das führt bei großen Teilen unserer politischen Eliten dazu, dass sie versucht sind, die Demokratie vor den Bürgern zu schützen und demokratische Mitgestaltung von unten eher auszubremsen als zu fördern. Wir erleben das aktuell in der Bürgerbeteiligung, in der Abkehr der CDU von den ursprünglich durch sie mitgetragenen Bürgerräten und sogar in Versuchen, die zarten Pflänzchen der Direktdemokratie (wie z. B. in Schleswig-Holstein) auszutrocknen.

Und nun kommt ein respektabler Demokrat wie Ralf-Uwe Beck daher und plädiert meinungsstark für das Gegenteil: Entschieden mehr direkte Demokratie! Beck ist Theologe und Bürgerrechtler. Er entstammt der subversiven DDR-Umweltbewegung und war nach der Wiedervereinigung zehn Jahre stellvertretender Bundesvorsitzender des BUND. Seit 25 Jahren engagiert er sich für Demokratie. Er ist Vorstandssprecher von »Mehr Demokratie e.V.«. Sein Ansatz ist konsequent das Gegenteil von dem zuvor beschriebenen. Er plädiert für Volksentscheide als notwendige Ergänzung zum Parlamentarismus und als Frustschutzmittel gegen autoritäre Populisten.

Die Vorbehalte dagegen kennt er – und arbeitet sich in seinem Buch engagiert an ihnen ab. Für ihn ist direkte Demokratie weder zu schwierig, noch zu anstrengend oder gar zu gefährlich sondern viel mehr eine der letzten Chancen, unsere Demokratie vor den Fängen der Rechtsextremen zu bewahren. In weiten Teilen seines Buches ließe sich „Direkte Demokratie“ durch „Gute Bürgerbeteiligung“ ersetzen – die Argumentation würde genauso funktionieren. Das ist keine Schwäche des Buches, sondern die Stärke des ihm zugrundeliegenden Demokratieverständnisses: Für Ralf-Uwe Beck ist es eben keine Frage der Abstimmungstechnik. Ihm geht es darum, die politische Teilhabe der Menschen in unserem Land signifikant zu erhöhen. Für ihn ist die Demokratie ein Organismus, der aktiv sein muss, um zu leben. Und aktiver werden muss, um zu überleben.

Deshalb lohnt sich die Lektüre, ganz besonders auch für jeden und jede, der oder die in Beteiligungsprozessen Tag für Tag genau daran arbeiten, unsere Demokratie lebendiger und lebhafter zu gestalten.

Ralf-Uwe Beck
Souverän. Plädoyer für mehr direkte Demokratie
oekom Verlag, München, 2026
ISBN: 9783987265211
240 Seiten, 22,00 EUR

Diesen Beitrag teilen:

Das Magazin zur politischen Teilhabe

Gerne schicken wir eine kurze Email, sobald eine neue Ausgabe erscheint:

Weitere Artikel aus unserem Magazin

Literatur

Workshop Roadmap

Beteiligungsprozesse finden häufig in Form von Workshops statt. Ein aktuelles Buch bietet umfangreiche Tipps und Tools für die Entwicklung, Organisation und Durchführung von Workshops in unterschiedlichen Formaten.

Artikel lesen
Best Practice

Schriftsprache – die unsichtbare Hürde

In Deutschland gibt es über 6 Millionen gering literarisierte Erwachsene (GLE). Das entspricht der Einwohnerzahl des Bundeslandes Hessen. Erweitert man die Gruppe um Menschen mit Grundschul-Leseniveau, liegt der Anteil bei fast einem Drittel aller Erwachsenen, die Probleme mit Lesen und Schreiben haben. Im Projekt „Leicht gemacht“ wurde untersucht, wie diese Gruppe besser in Beteiligungsprozesse eingebunden werden kann.

Artikel lesen
Studie

Klimapolitik als Gemeinschaftsaufgabe

Wie kann die Bevölkerung bei zentralen klimapolitischen Entscheidungen konkret eingebunden werden? Eine aktuelle Studie liefert Vorschläge für eine frühzeitige, strukturierte Beteiligung der Öffentlichkeit bei zentralen Gesetzesvorhaben.

Artikel lesen
Studie

Digitale Diskurse – Nur eine Phantasie?

Das Internet bietet die Chance, mehr Menschen besser in demokratische Willensbildung einzubeziehen. Das war die Hoffnung. Heute wissen wir: Soziale Medien sind dabei wenig hilfreich. Echte digitale Diskurse finden kaum statt. Doch muss das so bleiben? Welche Perspektiven gibt es? Und was muss sich ändern, damit das gelingt?

Artikel lesen
Interview

Bürgerbeteiligung in Kehl

Ein lebendiges Miteinander und eine aktive Mitgestaltung – das sind die Leitmotive, die das Gemeinwesen in Kehl prägen. In einem exklusiven Interview gibt Oberbürgermeister Wolfram Britz Einblicke in die Entwicklung und Bedeutung der Bürgerbeteiligung in seiner Stadt. Transparent, offen und innovativ sollen neue Wege der Partizipation beschritten werden, um den Menschen eine Stimme im kommunalen Geschehen zu geben.

Artikel lesen
Interview

Barrieren und gelungen Beispiele digitaler Beteiligung

Maja Wallstein ist Mitglied des Deutschen Bundestages. Außerdem ist sie Mitglied im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung sowie im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung und Sprecherin ihrer Fraktion in der Arbeitsgruppe „Strategien gegen Rechtsextremismus“. Sie hat sich beruflich bereits viel mit (digitaler) Bürgerbeteiligung auseinandergesetzt.

Artikel lesen
Der Querulant

Transformation auch in der Bürgerbeteiligung

In unserer digital vernetzten Welt ist es kaum noch möglich, einen Kaffee zu trinken, ohne dass jemand online eine Petition startet, eine Bürgerinitiative ins Leben ruft oder eine Hashtag-Kampagne lostritt. Dabei fühlt es sich manchmal an, als ob jeder eine Meinung hat – nur keiner wirklich zuhört. Wie kann da noch ein sinnvoller Diskurs stattfinden?

Artikel lesen
Best Practice

Pimp My Future!

Wie können junge Menschen auf kommunaler Ebene einen Beitrag für eine nachhaltige Zukunft leisten? Das betrachtet das Projekt “Pimp My Future!” und verbindet dabei Bildung und Beteiligung mit Spaß und Wirkung. Natalie Nekolla von Politik zum Anfassen e.V. stellt das Projekt vor. Sie zeigt, wie junge Menschen mit der lokalen Politik und Verwaltung zusammengebracht werden und eigene Ideen entwickelt können.

Artikel lesen
Best Practice

Andere Meinungen? Aushalten!

Beteiligung geht nur, wenn wir andere Meinungen aushalten. Einfach ist das nicht, aber es gibt Werkzeuge, die helfen können. Das Dialogformat demoSlam lädt dazu ein, sich auf menschlicher Ebene zu begegnen, andere Meinungen zu akzeptieren, ohne ihnen zuzustimmen, gemeinsam zu lachen, aber auch zu weinen.

Artikel lesen
Interview

Flood the Zone with Love and Kindness

Marina Weisband ist Beteiligungspädagogin, Diplompsychologin und Autorin. Im Interview spricht sie über die Demokratie von heute, die Bedrohung des morgen und die Chancen für übermorgen, sowie über ihre persönlichen Erfahrungen mit Beteiligungsprozessen und wie gute Beteiligung gelingen kann.

Artikel lesen