Demokratie neu gestalten

Wege in eine bürgernahe Zukunft

Politikverdrossenheit, Zukunftsängste und eine wachsende Kluft zwischen Bürger*innen und Politik prägen unsere Zeit. In seinem neuen Buch „Demokratie neu gestalten. Wege in eine bürgernahe Zukunft“ zeigt Risikoforscher Ortwin Renn, wie deliberative Prozesse und gezielte Beteiligungsformate die Demokratie stärken.
Copyright Peter-Paul Weiler

Wenn unser Verbandsmitglied Ortwin Renn ein Buch schreibt, lohnt es sich immer, genau hinzuschauen. Er vereint als langjähriger Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (Institute for Advanced Sustainability Studies, IASS) in Potsdam und Professor für Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart umfangreiches Fachwissen mit vielen Jahren praktischer Erfahrung in konkreten Beteiligungsprozessen. Bis heute engagiert er sich in diesem Zusammenhang auch als Wissenschaftlicher Direktor der Dialogik gGmbH.

Er hat seine Erfahrungen aus Wissenschaft, Praxis und Politikberatung jetzt in einem Buch zusammengefasst, das am 15. Juni erschienen ist. Es sollte ein Fachbuch werden. Das ist es auch, insbesondere im zweiten Teil. Der erste Teil ist jedoch ein eindrucksvolles Plädoyer für die Erneuerung unserer Demokratie. Denn autoritäre und extrem rechte Strömungen nehmen weltweit zu, das Vertrauen in demokratische Institutionen sinkt. Hinzu kommen vielfältige geopolitische Krisen, die sich gegenseitig verstärken und die Aussichten auf eine lebenswerte Zukunft verdunkeln. Einfache Lösungswege sind nicht in Sicht und schmerzliche Zielkonflikte müssen ausgehalten werden. Wie kann Demokratie in dieser Situation gestärkt und bürgernah gestaltet werden?

In seinem Buch gibt Renn einen theoretischen, aber auch für Praktiker*innen gut zu lesenden Überblick über deliberative Politikgestaltung und entwickelt daraus einen praxisorientierten Anforderungskatalog: Wie können zivilgesellschaftliche Akteure sinnvoll in Entscheidungsprozesse eingebunden werden? Wie lassen sich Wissen, Interessen, Werte und Präferenzen auf allen politischen Ebenen – kommunal, national, europäisch und global – systematisch integrieren?

Auf dieser Grundlage folgt ein Praxisbericht über Erfahrungen mit partizipativen Formaten, gestützt durch empirische Studien. Schwerpunkt sind Verfahren, die Expertisen, Bürgerinteressen und normative Bewertungen miteinander verknüpfen und in gemeinsam getragene Lösungsvorschläge überführen. Abgeschlossen wird der Band durch konkrete Anleitungen für die Organisation, Moderation und Teilnahme an deliberativen Prozessen sowie Vorschläge zur institutionellen Verankerung dieser politischen Innovation. Ein abschließender Ausblick skizziert, wie deliberative Elemente die Demokratie nachhaltig stärken und zu einer inklusiven, zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen können.

Dass unsere Demokratie strauchelt, beschreiben aktuell viele Autorinnen und Autoren. Ortwin Renn hört jedoch nicht bei der Diagnose auf: Er macht wissenschaftlich fundierte und zugleich praxisnahe Vorschläge, wie eine Therapie aussehen könnte. Diese Therapie kennt unterschiedliche Formate und Methoden – und ein essentielles Grundprinzip: Beteiligung! Die bestechende Logik dahinter: Wer Demokratie stärken will, muss mehr Menschen mehr Demokratie erleben lassen – das ist exakt der Ansatz, den auch der Fachverband Bürgerbeteiligung in seinem Norderstedter Appell formuliert hat.

Ortwin Renn
Demokratie neu gestalten. Wege in eine bürgernahe Zukunft.
Verlag Barbara Budrich, Leverkusen, 2026
ISBN: 9783847434061
269 Seiten, 32,- EUR

Diesen Beitrag teilen:

Das Magazin zur politischen Teilhabe

Gerne schicken wir eine kurze Email, sobald eine neue Ausgabe erscheint:

Weitere Artikel aus unserem Magazin

Kommentar

Die richtigen Weichen stellen

Jugendgemeinderäte sind in Baden-Württemberg gesetzlich verankert. Die genaue Ausgestaltung, wie das Besetzungsverfahren, bleibt den Gemeinden offen. Das eröffnet teils kontroverse Diskussionen. Sollen Wahlen stattfinden oder soll doch lieber gelost werden? Wie wird eine diverse Besetzung sichergestellt? Melanie Schmitt nimmt hier in ihrem Kommentar eine differenzierte, aber klare Position ein.

Artikel lesen
Best Practice

Vom Mitreden zum Mitgestalten

Wie können Kinder in einer Gemeinde echte Beteiligung erfahren? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt einer Entwicklung, die heute im Kindermuseum PLOMM in Wiltz, Luxemburg sichtbar wird. Doch bevor ein Gebäude entstand, bevor Ausstellungen geplant wurden, begann alles mit der Suche nach neuen Formen der Beteiligung von Kindern am gesellschaftlichen Leben. Joëlle Lutgen-Ferber, Nadine Lepage und Manon Eicher berichten über den Aufbau eines spannenden Projekts.

Artikel lesen
Schwerpunkt

Demokratie ohne Beteiligung?

Unsere Demokratie ist unter Druck geraten. Rechtsextremisten gewinnen an Einfluss, ihre Wahlergebnisseund die von ihnen betriebene Verrohung der Gesellschaft machen Angst. Wie schützen wir unsere Demokratie? Kann Bürgerbeteiligung dabei ein Faktor sein?

Artikel lesen
Literatur

Conflict Culture Playbook

Dana Hoffmann und Hendric Mostert präsentieren konkrete Methoden und Werkzeuge, wie ein innovativer Umgang mit Konflikten in Beteiligungsprozessen aussehen kann.

Artikel lesen
Theorie

Digitale Lernkurven

Digitale Beteiligungsplattformen sollen dabei helfen, mehr Menschen zu beteiligen und neue Zielgruppen zu erschließen. Die Erwartungen sind hoch. Eine Studie des Berlin Instituts für Partizipation hat untersucht, ob sie eingelöst werden.

Artikel lesen
Interview

Jugendarbeit ein Leben lang

Von der Binsenweisheit „Die Jugend ist unsere Zukunft“ zur konkreten, erfolgreichen Jugendarbeit ist es oft ein weiter Weg. Welche Formate bringen Erfolg? Wie wird Zugang für Alle gewährleistet? Und wie kann die Arbeit personell gestemmt werden? Darüber sprechen wir im Interview mit Peter Knorre. Er ist Dipl. Sozialpädagoge (FH) und seit 2007 Leiter des Kinder- und Jugendhauses „Altes Gefängnis“ in Bad Säckingen.

Artikel lesen
Best Practice

Beteiligung in der Modellentwicklung

Nicht selten wird Beteiligung von Politiker*innen als Belastung gesehen. Ein notwendiges Übel, um Akzeptanz zu erhöhen und Kritik vorzubeugen. Doch das Projekt MobiLe zeigt, wie durch frühzeitige und wertschätzende Co-Creation-Prozesse, politische Entscheidungsprozesse entlastet werden können. Mit spannenden Implikationen für weitere Beteiligungsformen.

Artikel lesen
Der Querulant

Transformation auch in der Bürgerbeteiligung

In unserer digital vernetzten Welt ist es kaum noch möglich, einen Kaffee zu trinken, ohne dass jemand online eine Petition startet, eine Bürgerinitiative ins Leben ruft oder eine Hashtag-Kampagne lostritt. Dabei fühlt es sich manchmal an, als ob jeder eine Meinung hat – nur keiner wirklich zuhört. Wie kann da noch ein sinnvoller Diskurs stattfinden?

Artikel lesen
Best Practice

Balingen und das ISEK Stadtteile 2035+

Den Stadtverwaltungen stehen heute eine Vielzahl an unterschiedlichen Beteiligungsformaten zur Verfügung, um die Bürgerschaft an Planungsprozessen zu beteiligen. Bei der Ausarbeitung des integrierten Stadtentwicklungskonzeptes Balingen 2035+ (kurz: ISEK) für die Stadtteile stand die Beteiligung der Bürgerschaft im Mittelpunkt.

Artikel lesen
Best Practice

Wie aus Ideen Zukunft wird

Stadtentwicklung ist ein bekanntes Thema in der Beteiligung. Bekannt sind auch die Herausforderungen, die solche Prozesse bezwingen müssen. Wie können möglichst viele Bürger*innen informiert und beteiligt werden? Wie können innovative Ideen entwickelt werden? Und wie werden aus Ideen Visionen? Christina Schlottbom gibt einen spannenden Einblick in das Projekt „Zukunft_Garrel“.

Artikel lesen