Ermutigend und achtsam zugleich!

Beteiligung von Kindern in Benachteiligungslagen im Rahmen der Jugendhilfeplanung

Wie kann eine kind- und jugendgerechte Jugendhilfeplanung gestaltet werden? Wie gelingt eine Beteiligung von insbesondere benachteiligten Zielgruppen, die einerseits ermutigend, andererseits achtsam vorgeht, ohne diese auf ihre Benachteiligungserfahren zu reduzieren? Im Folgenden wird das anhand der Beteiligung an einem gesamtstädtischen Präventionsleitbild zur Unterstützung von Kindern und Familien in Risikolagen in Solingen von Philipp Beckmann und Isolde Aigner dargestellt.

„kinderstark – NRW schafft Chancen“ ist ein Landesprogramm mit dem Ziel, Kinder in Risikolagen frühzeitig zu unterstützen, Benachteiligungen entgegenzuwirken und bestehende Angebote besser aufeinander abzustimmen. Konkret geht es um das frühzeitige Erkennen von Entwicklungsrisiken, Problemlagen sowie aktivierbaren Ressourcen. Die frühzeitige Förderung und Unterstützung vermeidet oder mildert negative Entwicklungen in Bezug auf z.B. Bindung, Kindeswohl, Gesundheit und soziale Teilhabe.

Die Stadt Solingen beteiligt sich seit 2021 an dem Programm und hat daher in der Jugendhilfeplanung eine kommunale Netzwerkkoordination eingerichtet, mit der präventive Angebote entlang der Biografien von Kindern systematisch erfasst, weiterentwickelt und Zugänge verbessert werden. Es wird zudem ein kommunales Präventionsleitbild entwickelt – eine gesamtstädtische Strategie, die Prävention als gesamtstädtische Aufgabe begreift und dem Grundsatz „Ungleiches ungleich behandeln“ folgt. Dabei werden alle Kinder und Familien in den Blick genommen, während gezielt dort Ressourcen eingesetzt werden, wo Unterstützungsbedarfe besonders hoch sind.

Zentrales Leitmotiv des Leitbildprozesses ist der Ansatz „Vom Kind her denken“, der Kinder als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt versteht, ihre Perspektiven bilden den Ausgangspunkt der inhaltlichen Ausgestaltung des Leitbildes. Hierzu haben die Netzwerkkoordination „kinderstark“ und der Strategiebereich Kommunale Jugendbeteiligung (fYOUture) verschiedene Kinderbeteiligungsverfahren entwickelt, umgesetzt und systematisch ausgewertet. Im Folgenden stellen wir (Netzwerkkoordination „kinderstark“ und Strategiebereich) zwei konkrete Beteiligungsverfahren als Teil der Leitbildentwicklung vor.

Spy Kids – die Kindersteuerungsgruppe zum Thema Kinderarmut

Die Identifizierung der Bedarfe armutsbetroffener Kinder erfordert ein kindgerechtes wie auch armutssensibles Beteiligungsverfahren, um zu vermeiden, Kinder vorzuführen oder zu überfordern, auf ihre Armutserfahrung zu reduzieren oder Trigger und Scham auszulösen. Wir entschieden uns daher für die Installierung einer Kindersteuerungsgruppe in einem Solinger Quartier in Kooperation mit einer Kinder- und Jugendeinrichtung. Mithilfe der Fachkräfte als Vertrauenspersonen vor Ort, wurde eine Gruppe von Mädchen ins Leben gerufen, die sich selber „Spy Kids – die Zietenstraßenhelferinnen“ nennt. In monatlichen, ca. einstündigen Treffen vor Ort haben wir den gesamten Beteiligungsprozess mit der Gruppe besprochen, geplant und regelmäßig reflektiert. Dazu gehörten Empfehlungen der Spy Kids in Bezug auf Zielgruppe, Beteiligungssetting, Methoden und Leitfragen, Mobilisierung und Präsentation der Ergebnisse. Für die Spy Kids war es wichtig, dass sich die zu beteiligenden Kinder gegenüber den Erwachsenen entspannt, wohl und sicher fühlen. Deshalb entwickelten sie ein Beteiligungsverfahren in Kombination mit aktivierenden Spielen, wie Dosenwerfen, Hula-Hoop und Hüpfkästchen, zudem sollten die Kinder während einer Gesprächsrunde die Möglichkeit erhalten, ein Kuscheltier zu halten, das ihnen Halt gibt.

Die Beteiligungsaktion wurde in einer Kinder- und Jugendeinrichtung mit einem hohen Anteil an sozioökonomisch benachteiligten Kindern durchgeführt. Zu den Ergebnissen gehörte unter anderem die Sorge vor der Gesundheit der Eltern, aber auch die Idee, gemeinsam Geld zu sammeln, damit Armutsbetroffene mit zur Klassenfahrt kommen können. Ergebnisse, die neben dem Leitbild auch unter anderem im Rahmen der Solinger Kinder- und Jugendarbeit berücksichtigt werden sollen. Auf Wunsch der Spy Kids gab es eine Ausstellung der anonymisierten Beteiligungsergebnisse im Rathaus, bei der diese mit Akteuren aus betroffenen Fachdiensten (z.B. Wohnen, Soziales) sowie Kommunalpolitiker*innen diskutiert wurden. Die Spy Kids gaben zudem eigene Stellungnahmen zu den Ergebnissen ab, wie zum Beispiel die Forderung nach kostenloser Bereitstellung von Tablets in der Schule oder die Gleichbehandlung von Schüler*innen durch Lehrerkräfte.

Inzwischen wurden die Beteiligungsergebnisse sowie das Verfahren auf der kommunalen Armutskonferenz und im Kinderministeriums des Landes NRW vorgestellt. Darüber hinaus werden Beteiligungsmethoden der Kindersteuerungsgruppe aktuell als Anleitung für Fachkräfte und Stadtdienste zur Durchführung inklusiver Beteiligungsverfahren aufbereitet.

Traumreise und Stärkungsbaum. Zur kindgerechten Beteiligung von Kitakindern

Im letzten Jahr wurde in einer Solinger Kita eine Beteiligung mit Kindern im Vorschulalter durchgeführt. Ziel war es, die Perspektiven der Kinder auf einen gelingenden Übergang in die Grundschule sichtbar zu machen. Dabei ging es nicht nur um die Sammlung von Informationen, sondern um eine bewusste Förderung des Empowerments und der Selbstwirksamkeit der Kinder, indem sie ihre eigenen Stärken erkennen, benennen und aktiv in den Prozess einbringen. Die Beteiligung wurde mit spielerischen und kreativen Methoden gestaltet.

Stärkungsbaum mit Kompetenzen und Ressourcen der Kinder. © Philipp Beckmann

Nach einem Warm-up, das den Einstieg erleichterte, nahmen die Kinder an einer Traumreise teil. Sie sollten sich in ihrer Fantasie einen für sie schönen ersten Schultag vorstellen und in ihre persönlichen Gefühle und Erwartungen in einer anschließenden Gesprächsrunde mit den anderen teilen. In einer abschließenden Empowerment-Einheit gestalteten die Kinder Bilder mit ihren eigenen Stärken, die an einem gemeinsamen „Stärkungsbaum“ befestigt wurden. Genannt wurden „klassische“ schulische Kompetenzen, wie das Schreiben, aber auch das Klettern oder das Springen in eine Pfütze – wichtige Ressourcen mit Blick auf zum Beispiel Bewegung, Selbstbewusstsein und Risikoabschätzung, die neben dem Kernunterricht in AGs oder des Offenen Ganztags (z.B. im Rahmen der Angebotsgestaltung) berücksichtigt werden können. Beim Aufhängen jedes einzelnen Bildes fand jeweils ein kurzes Einzelgespräch zwischen uns und dem Kind statt, in dem die dargestellten Stärken, Kompetenzen und Gedanken besprochen und wertgeschätzt wurden, so dass jede Perspektive unmittelbar aufgenommen und reflektiert wurde.

Von den Kindern benannte schulische Kompetenzen und weitere Ressourcen, die sie für ihr Aufwachsen als wichtig erachten. © Philipp Beckmann

Ein Kernaspekt des Formats war außerdem der kontinuierliche Austausch zwischen Kindern und Fachkräften sowie uns als Workshopleitung, sodass während der gesamten Aktivität immer wieder Gesprächsmomente über Ideen, Gefühle und gezeichnete Kompetenzen entstanden. Zugleich achteten wir darauf, kindliche Aussagen nicht vorschnell aus erwachsenen Perspektiven zu interpretieren, um adultistische Verzerrungen zu vermeiden. Diese dialogische Begleitung stärkte die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen und machte die vielfältigen Ressourcen der Kinder sichtbar. Die anonymisierten, ausgewerteten Ergebnisse fließen nicht nur in das Solinger Präventionsleitbildes, sondern dienen auch als Grundlage für fachliche Austauschformate mit Fachkräften aus Kitas und Grundschulen. Sie ermöglichen es, Bedarfe und Ressourcen der Kinder frühzeitig zu erkennen, Angebote passgenauer zu gestalten und den Übergang in die Grundschule aktiv zu unterstützen. Auf diese Weise wird Beteiligung nicht nur sichtbar gemacht, sondern wirkt zugleich steuernd für die pädagogische und präventive Arbeit vor Ort.

Von Bottom-up zu Top-down – Von der Beteiligung zum gesamtstädtischen Leitbild

Die Beteiligungsergebnisse fließen direkt in die Leitbildentwicklung und in einen ressortübergreifenden Arbeitsprozess in Abstimmung mit den Fachabteilungen des Stadtdienstes Jugend, Stadtdiensten sowie Trägern der Jugendhilfe. Die Beteiligung von Kindern am Leitbild soll außerdem verstetigt werden, um die bisherigen Erkenntnisse regelmäßig zu aktualisieren. So soll auch zukünftig sichergestellt werden, dass grundlegende Bedarfe von Kindern – im Sinne eines gelingenden Aufwachsens – in der Jugendhilfe berücksichtigt werden.

Philipp Beckmann, Netzwerkkoordination kinderstark, angesiedelt in der Jugendhilfeplanung des Stadtdienstes Jugend in Solingen. Co-Autorin ist Isolde Aigner, Strategiebereich Kommunale Jugendbeteiligung (fYOUture), angesiedelt in der Jugendhilfeplanung des Stadtdienstes Jugend in Solingen.
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