Warum Ablehnung keine Strategie ist

Ein Kommentar über KI, Überforderung und Optimismus

Kaum eine Entwicklung war in den letzten Jahren so rasant wie die der KI. Zur Erinnerung: KI in Form von Chatbots für jederman/frau gibt es erst seit Ende 2022, das sind nicht einmal 5 Jahre. Es wird wahrscheinlich wie damals mit dem Internet gehen: Einige sagen, das geht schon wieder vorbei. Heute sind diese Menschen weitgehend abgeschnitten von Kommunikation, Information und Alltagsbewältigung. Das Internet hat sich durchgesetzt. Und auch die KI scheint gekommen zu sein, um zu bleiben. Aber wie?

Ich habe diesen Text dreimal umgeschrieben. Bis er erscheint, werde ich mir wahrscheinlich wünschen, ich hätte noch 2-7 Sachen ändern können. Nicht, weil ich so unentschlossen bin, sondern weil kaum ein Thema sich je so schnell entwickelt hat wie KI.

 

Entwicklung von (fast) Null auf 100

Zur Erinnerung: KI in Form von Chatbots für jederman/frau gibt es erst seit Ende 2022, das sind nicht einmal 5 Jahre. Ab 2023 ließen die ersten Leute stolz „ich hab mal die KI gefragt“ in Gespräche einfließen (leider haben einige noch immer nicht damit aufgehört). Seitdem geht es Schlag auf Schlag, entwickelt sich eine komplette Industrie rasend schnell, dominiert weltweit die Aktienmärkte und lässt sich mit aberwitzigen Summen Geld vollpumpen in der Hoffnung, dass man dann damit noch mehr Geld verdient (Spoiler: isaiprofitable.com). Die Vehemenz, mit der KI in unser aller Leben eindringt, produziert bei einigen Begeisterung, bei anderen Fragezeichen, aber bei vielen mittlerweile in erster Linie Überforderung. Sie fühle sich belästigt, sagt meine Mutter, ob ich ihr bitte mal diese KI von ihrem Telefon entfernen könne, die da ständig aufploppt. Eine kurze Umfrage im Freundeskreis ergibt: alle nutzen zumindest ein bisschen KI bei der Arbeit, niemand hat dafür vom Arbeitgeber konkrete Regeln und Werkzeuge an die Hand bekommen. Das passt zu veröffentlichten Zahlen: laut einer repräsentativen Umfrage nutzen 77 Prozent der Beschäftigten in Deutschland KI-Tools im Arbeitsalltag, ohne dass diese vom Unternehmen freigegeben wurden. Das ist nicht nur betriebswirtschaftlich absurd, sondern auch ein gigantisches Sicherheitsrisiko. Gleichzeitig steigt in Techfirmen wie Amazon der Druck, KI einzusetzen. „Tokenmaxxing“ ist eines der vielen tollen Worte, die ich in den letzten Monaten gelernt habe: wie verbraucht man möglichst viele KI-Einheiten und kommt so an die Spitze des internen Rankings? (Im Hintergrund lodert ein Wald).

 

Geht das alles zu schnell?

Auch in der öffentlichen Diskussion ist der Wandel in den letzten 3 Jahren rasant: zunächst ging es darum, je nach Lesart, wie viel Arbeit uns die KI abnehmen wird/wie viele Jobs sie uns wegnehmen wird. Das meiste davon (noch) pure Spekulation. Andere Themen enterten den Chat wie die Frage nach geistigem Eigentum. Die ersten Chatbots mit bildgebender KI sorgten erst für Begeisterung, dann für Verunsicherung und Misstrauen. Jenseits der techaffinen Bubbles scheint die Stimmung schon gekippt; man liest Gruselstories von wild wuchernden Datencentern, die Städten das Grundwasser absaugen. Eine Freundin berichtet, ihre Teenagertochter würde sie bei jeder Nutzung von ChatGPT beschuldigen, damit die Welt zu zerstören. An amerikanischen Universitäten werden Redner*innen ausgebuht, wenn sie über KI sprechen. Schlagworte wie „KI-Ekel“ und „KI-Paranoia“ machen die mediale Runde. Selbst Dario Amodei, CEO des Anbieters Anthropic, ruft medienwirksam andere Konzerne dazu auf, bei der Entwicklung von KI doch etwas langsamer zu machen, damit Risiken überprüft werden und die Gesellschaft Schritt halten kann (nicht mal eine Woche später warf Anthropic ein neues Release seines Chatbots Claude auf den Markt. Ein Schelm, wer…). Das alles ist beunruhigend. Und ich habe das Gefühl, viele Menschen sind irgendwie erleichtert, wenn man ihnen Gründe liefert, KI abzulehnen.

 

Die Angst vor der Veränderung

Einiges erinnert mich an die Anfänge des Internets in den 90ern, als in der Generation meiner Eltern auch manche abwinkten und hinter dem Verweis, man halte gern an der gedruckten Tageszeitung fest, sicher auch Überforderung mit diesem neuen Ding stand. Und anders als beim Eindringen des Internets in unser Leben gibt es jetzt deutlich harschere ethische Fragen, die wir uns stellen müssen – will ich wirklich Unternehmen dabei unterstützen, Donald Trump zu unterstützen? Will ich mit meinen Prompts die Welt verbrennen? Dazu beitragen, dass Kreativleistungen durch Slop ersetzt werden und Menschen ihre Jobs verlieren? Muss einen nicht misstrauisch machen, dass die Anwendungen nicht verkauft, sondern gratis in jedes Gerät und jede App und Suchmaschine gepresst werden? Was bedeutet es, dass KI just in dem Moment in unsere Geräte eindringt, wenn alle sich weniger Screentime wünschen?

Man könnte ewig so weiter machen. Und doch.

Ich bin früh genug geboren, um noch zu wissen, wie eine Bibliothek riecht, und spät genug, dass ich in dem Internet, dass sich uns über in TV-Zeitschriften eingeklebte CDs von AOL und die Ur-Webcam von einer Kaffeemaschine freundlich-harmlos näherte, aufgeschlossen gegenüberstand. Heute schaue ich mich um und denke an die Menschen, die vor 30 Jahren glaubten, das könne man ignorieren, ginge schon alles vorbei – sie sind weitgehend abgeschnitten von Kommunikation, Information und Alltagsbewältigung.

 

Gekommen, um zu bleiben. Aber wie?

Anders als bei der Entwicklung des Internets und der Social Media-Plattformen ist jetzt schon sehr früh abzusehen, wo die Risiken liegen, ethisch, wirtschaftlich, psychologisch. Das sollte aber nicht dazu führen, dass wir uns aus Überforderung damit trösten, es werde schon schiefgehen (diesmal ernsthaft) und das Thema erledigt sich von selbst, ohne dass man sich damit beschäftigen muss. KI wird nicht verschwinden, auch wenn vielleicht diese erste große Blase platzt. Sie wird Teil unseres Lebens sein und unserer Hardware. Sie kann in der Medizin Leben retten, die Wissenschaft revolutionieren und auch unsere Bürojobs produktiver machen, es braucht nur endlich eine offene Diskussion und dann einen klaren Rahmen und Regeln. Vielleicht hat Dario Amodei Recht und wir sollten mal innehalten und uns sortieren für das, was kommt.

Erinnert sich noch jemand, wie wunderbar das Internet in den Jahren nach dem Platzen der dotcom-Blase war? Es war für wenige Jahre ein magischer Ort, wo man über Blogs neue Musik und Filme entdeckte, Menschen sich austauschen konnten in nerdigsten Foren und Wissen plötzlich für alle verfügbar war. Leider haben dann die Smartphones und der Tech-Kapitalismus (fast) alles zerstört, aber wer weiß. Vielleicht passiert das dieses Mal nicht. Könnte ja gut werden. Liegt an uns.

Astrid Köhler ist Politikwissenschaftlerin und Kommunikationsberaterin und arbeitet bei der Stadt Hamburg in der Stadtwerkstatt als Referentin für Bürgerbeteiligung. Sie ist Mitglied im Vorstand des Kompetenzzentrum Bürgerbeteiligung e.V. und im Vorstand des Fachverband Bürgerbeteiligung.
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