Kinder – Minderheit ohne Schutz

Impressionen aus einem Workshops des Fachverbands Bürberbeteiligung

Kinder – Minderheit ohne Schutz. Das ist nicht nur der Titel des Buches, welches von Aladin El-Mafaalani, Klaus Peter Strohmeier und Sebastian Kurtenbach veröffentlicht wurde. Es war auch das Thema eines Online-Workshops, den Prof. Dr. Kurtenbach für den Fachverband Bürgerbeteiligung angeboten hat. Es ging um Demographie, Perspektiven und die Zukunft der Gesellschaft.

Am 19.3.2026 hatte der Fachverband Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach aus Münster zu einem kompakten Workshop eingeladen, der sich an sein populär gewordenes Buch „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ anlehnte, das er gemeinsam mit Aladin El-Mafaalani (Dortmund) und Klaus Peter Strohmeier (Bochum) verfasst hat. Es beginnt mit den Worten: „Die alternde Gesellschaft ist weder kindergerecht noch ist sie gerecht zu Kindern.“ Es ging der organisierenden Fachgruppe Verwaltung u.a. darum, aus erster Hand die wesentlichen Befunde kennenzulernen – auch im Sinne guter Argumente für eine verstärkte Kinder- und Jugendbeteiligung in Zeiten knapper Kassen – und auf dieser Basis gemeinsam Schlussfolgerungen und wirksame Zugänge für die Praxis herauszuarbeiten.

 

Die Anwesenden, darunter nicht wenige externe Gäste, kamen denn auch zu guten Teilen aus dem Bereich Verwaltung, aber auch Dienstleister*innen und Zivilgesellschaft waren gut vertreten, das ergab eine Live-Befragung. Dabei waren diejenigen, die schwerpunktmäßig mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, leicht in der Minderheit. Die Slido-Befragung wurde auch zur ersten Sammlung von Fragen und Themen für den späteren Austausch genutzt.

 

Sebastian Kurtenbach berichtete eindrücklich von einer alternden Gesellschaft im Umbruch: 2024 feierten doppelt so viele Menschen ihren 60. Geburtstag wie eingeschult wurden. Kinder, und sogar Familien mit Kindern, sind nicht nur eine demografische Minderheit geworden, sondern auch eine demokratische Minderheit. Sie sind dabei relativ heterogen und nicht organisiert. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund, was den Anteil derer mit Wahlrecht nochmals verringert. Und sie haben nicht die Ressourcen, ihre Interessen zu vertreten. Ihre größte Gemeinsamkeit ist vielleicht, dass sie in der „Rush Hour des Lebens“ kaum Zeit haben, sich zu engagieren.

Er schilderte exemplarisch am Beispiel des Jahrgangs 2007, der bei Erscheinen des Buches 18 Jahre alt wurde, welche Rücksichtslosigkeit unsere Gesellschaft Kindern und Jugendlichen entgegenbringt. Hatte der „Pisa-Schock“ um die Jahrtausendwende noch für einen Aufschrei und wirksames Handeln gesorgt, weil die Boomer-Eltern sich massiv dafür einsetzten, bleibt eine ernsthafte Beschäftigung heute aus: Kinder erleben marode Institutionen und überforderte Erwachsene, sie haben in Coronazeit und „Flüchtlingskrisen“ einen hohen Preis gezahlt, sie erleben Krieg in Europa und eine kommende Wehrpflicht; sie haben die vielen Älteren vertraute Grundzuversicht und das Vertrauen in unser Gemeinwesen nicht entwickeln können. Und die Räume der Kindheit verändern sich: Sie verbringen viel Zeit in den „Sonderumwelten“ von Kinderbetreuung und Schule (deren Eigenlogiken im Zweifel nicht ihre Bedürfnisse obenan stellen), um die Sorgeberechtigten immer besser frei zu halten für die nötige Erwerbsarbeit.

 

Hier sieht Sebastian Kurtenbach, der seinen Forschungsschwerpunkt in den Bereichen Quartier, Nachbarschaften und Wohnen hat, denn auch einen wichtigen Ansatzpunkt: die Schulen in die Stadtteile zu öffnen, hier intergenerationellen Kontakt zu ermöglichen und sie zu multifunktionalen Zentren für die Gemeinschaft zu machen, in denen z.B. Co-Working-Bereiche, Sportangebote oder Treffpunkte für Initiativen angedockt werden können. Ein wichtiger Ansatzpunkt für eine partizipative Quartiersarbeit, wenn sie sich auf die Bedingungen und den Takt von Schule einlässt.

In der Diskussion ergab sich rasch die Frage an den Vortragsgast, ob es möglich sei, die heutigen Beteiligungsangebote zu öffentlichen Vorhaben und Planungen so zu „verbreitern“, dass sie auch für junge Menschen zugänglicher werden, oder ob es besonderer Angebote für diese Gruppe bedarf und welche Formate hier geeignet sind. Er betonte, dass es vielerorts zunächst eine grundlegende Änderung der Haltung braucht, die Bedürfnisse von Kindern ernsthaft sehen und erfahren zu wollen und obenan zu stellen, da sie nicht nur Vertrauen und Selbstwirksamkeit lernen müssen, sondern auch zukünftige Folgen heutiger Entscheidungen tragen werden. Im Übrigen verwies er auf die Beteiligungs- und Praxiskompetenz der Anwesenden, stellte allerdings kurz die in seinem Buch entworfene Idee vor, demokratische Gremien auf allen Ebenen mit „Zukunftsräten“ zu paaren, die mit jungen Menschen besetzt werden und ein Beratungs- und Empfehlungsrecht bekommen.

 

In einzelnen Redebeiträgen wurden die Vortragsinhalte an teils langjähriger Praxis der Kinder- und Jugendarbeit gemessen und als hilfreich und inspirierend geschildert. Es konnten allerdings nicht mehr alle Impulse aufgegriffen werden, z.B. die wichtige Frage nach dem Umgang mit der zunehmenden Heterogenität unter Kindern und Jugendlichen in der Beteiligung: Was tun mit den „Stillen“, also Kindern mit bspw. sprachlichen Zugangshürden und anderen Herausforderungen? Was mit „bildungsfernen“ und einkommensschwachen Familien? Diese und weitere Aspekte wollen und werden wir in der AG Kinder- und Jugendbeteiligung wieder aufgreifen und vertiefen.

Sebastian Kurtenbach schloss mit den letzten Worten des Buches: „Kinder sind der letzte Sinn und die einzige Zukunft der Gesellschaft. Beides, Sinn und Zukunft, sollte in jeder noch so schweren Krise im Zentrum stehen“.

Marc Gottwald-Kobras, Dipl. Ing. Raumplanung, Stadt und Quartiersentwickler, Prozessgestalter und Moderator ist Co-Sprecher der Fachgruppe Verwaltung im Fachverband Bürgerbeteiligung; beruflich ist er in der Stabsstelle Strategische Stadtentwicklung, Wissenschaftsstadt der Stadt Münster tätig. Hier kümmert er sich um Zukunftsthemen, insbesondere die konzeptionelle Weiterentwicklung der Öffentlichkeitsbeteiligung, seit April 2025 auch ganz praktisch als Teil des ämterübergreifenden Beteiligungsteams der Stadt Münster rund um das Portal »Münster mitgestalten.«.
Diesen Beitrag teilen:

Das Magazin zur politischen Teilhabe

Gerne schicken wir eine kurze Email, sobald eine neue Ausgabe erscheint:

Weitere Artikel aus unserem Magazin

Best Practice

Wie aus Ideen Zukunft wird

Stadtentwicklung ist ein bekanntes Thema in der Beteiligung. Bekannt sind auch die Herausforderungen, die solche Prozesse bezwingen müssen. Wie können möglichst viele Bürger*innen informiert und beteiligt werden? Wie können innovative Ideen entwickelt werden? Und wie werden aus Ideen Visionen? Christina Schlottbom gibt einen spannenden Einblick in das Projekt „Zukunft_Garrel“.

Artikel lesen
Studie

Digitale Diskurse – Nur eine Phantasie?

Das Internet bietet die Chance, mehr Menschen besser in demokratische Willensbildung einzubeziehen. Das war die Hoffnung. Heute wissen wir: Soziale Medien sind dabei wenig hilfreich. Echte digitale Diskurse finden kaum statt. Doch muss das so bleiben? Welche Perspektiven gibt es? Und was muss sich ändern, damit das gelingt?

Artikel lesen
Literatur

Demokratie neu gestalten

Politikverdrossenheit, Zukunftsängste und eine wachsende Kluft zwischen Bürger*innen und Politik prägen unsere Zeit. In seinem neuen Buch „Demokratie neu gestalten. Wege in eine bürgernahe Zukunft“ zeigt Risikoforscher Ortwin Renn, wie deliberative Prozesse und gezielte Beteiligungsformate die Demokratie stärken.

Artikel lesen
Lexikon

Deliberation

Der Begriff Deliberation stammt vom lateinischen deliberatio, was so viel wie „Beratschlagung“ oder „Abwägung“ bedeutet. Deliberation beschreibt einen anspruchsvollen den Prozess, in dem Menschen sich auf sachliche und faire Weise austauschen, um eine informierte Entscheidung zu treffen.

Artikel lesen
Best Practice

Schriftsprache – die unsichtbare Hürde

In Deutschland gibt es über 6 Millionen gering literarisierte Erwachsene (GLE). Das entspricht der Einwohnerzahl des Bundeslandes Hessen. Erweitert man die Gruppe um Menschen mit Grundschul-Leseniveau, liegt der Anteil bei fast einem Drittel aller Erwachsenen, die Probleme mit Lesen und Schreiben haben. Im Projekt „Leicht gemacht“ wurde untersucht, wie diese Gruppe besser in Beteiligungsprozesse eingebunden werden kann.

Artikel lesen
Kommentar

Wie parteilich dürfen wir sein?

Der Beteiligung wird eine wichtige Rolle bei der Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft zugesprochen. Wie aber kann die Beteiligung diese Rolle erfüllen? Wie kann sie die zahlreichen Herausforderungen überwinden und den Anforderungen gerecht werden?

Artikel lesen
Best Practice

Wie grenzüberschreitende Jugendbeteiligung gelingt

Ab 2029 verbindet ein kombinierte Straßen- und Schienentunnel die dänische Insel Lolland mit der deutschen Insel Fehmarn. Doch was bedeutet das für die Region? Junge Menschen aus Deutschland und Dänemark wurden eingeladen, die Zukunft in der Grenzregion gemeinsam zu gestalten. Thomas Waldner berichtet über den Prozess, bei dem Schülerinnen und Schüler zu Absendern statt zu Adressaten werden.

Artikel lesen
Wissenschaft

Jugendbeteiligung in Berliner Bezirken

Die heutige Jugend sei politikverdrossen und wolle sich nicht engagieren? Das stimmt nicht, sagen Menschen, die in der Kinder- und Jugendbeteiligung tätig sind. Doch wie können junge Menschen für Projekte gewonnen und nachhaltig eingebunden werden, und was sind zentrale Hürden? Dieser Frage gingen Michelle Schinköth und Louisa Kühn in ihrer studentischen Forschungsarbeit nach, die sie im Beitrag zusammenfasst.

Artikel lesen
Lexikon

Empowerment

Empowerment beschreibt den Prozess, bei dem Menschen oder benachteiligte Gruppen ihr Leben, ihre Arbeit und ihre Umwelt wieder selbstbestimmt in die Hand nehmen. Doch was steckt genau hinter diesem Prozess?

Artikel lesen