Klimapolitik als Gemeinschaftsaufgabe

Neue Studie zu deliberativer Beteiligung in der Klimapolitik

Wie kann die Bevölkerung bei zentralen klimapolitischen Entscheidungen konkret eingebunden werden? Eine aktuelle Studie liefert Vorschläge für eine frühzeitige, strukturierte Beteiligung der Öffentlichkeit bei zentralen Gesetzesvorhaben.

Dass Transformationsprozesse ohne Beteiligung kaum erfolgreich sein können, ist eine Position die längst nicht alle politisch Verantwortlichen teilen. Tatsächlich geht der Trend in einigen Bereichen ja sogar in die gegenteilige Richtung: Beschleunigung von Transformation durch Rückbau demokratischer Rechte von NGOs und Bürger*innen.

Die Robert Bosch Stiftung hat hierzu kürzlich eine aktuelle Studie veröffentlich, die für eine frühzeitige, strukturierte Beteiligung der Öffentlichkeit bei zentralen Gesetzesvorhaben plädiert. „Gemeinsam voran – Deliberative Beteiligung in der Klimapolitik“ lautet der Titel. Und er ist Programm. So schreiben die Autor*innen:

„Deliberative Verfahren bieten geschützte Räume für den sachlichen Austausch von Argumenten und verschiedenen Perspektiven abseits des Mediendrucks und parteipolitischen Tagesgeschäfts. Dadurch fördern sie die Erarbeitung qualitativ hochwertiger und vielseitig akzeptierter Lösungen. Ein zunehmend bekanntes Beispiel für deliberative Beteiligung sind sogenannte Bürgerräte mit zufällig ausgewählten Teilnehmenden.“

Im Grunde ist das Dokument nicht wirklich eine Studie. Es ist weitgehend empiriefrei. Tatsächlich ist es ist eher ein – durchaus qualitativ hochwertiges – Konzept für die Etablierung von Deliberationsstrukturen in der klimawandelbedingten Transformation.

Dabei gehen die Autor*innen vom Ansatz der deliberativen Demokratie aus – die also auf die die Einbindung möglichst vieler Sichtweisen und Positionen fokussiert und sich vom Ansatz der partizipativen Demokratie unterscheidet, der möglichst vielen Betroffenen die Mitwirkung an sie betreffenden Entscheidungen ermöglichen will. Beide Ansätze unterscheiden sich, haben aber durchaus ihre Berechtigung. Deliberation setzt eher auf Konfliktradar, Akzeptanzförderung und Agenda-Setting (S. 6), Partizipation auf Konfliktaushandlung.

Die in der Studie vorgestellten Beispielprozesse setzen deshalb konsequent auf Zufallsauswahl, die letztlich sogar aus einem extra dafür entwickelten „stehenden Pool“ erfolgen soll, in den jährlich Bürger*innen und Bürger quasi „auf Vorrat“ gelost werden sollen. Institutionell sollen die Prozesse an eine Zentrale Kompetenzstelle angebunden werden, die im Kanzleramt, in einem Querschnittsministerium oder bei einer eigenen Anstalt öffentlichen Rechts bzw. einer Bundesstiftung angesiedelt werden soll. Dazu sollen wissenschaftliche Begleit- und eher politische Steuerungskreise kommen.

Neben gelosten Bürgerräten sind ergänzend (ebenfalls geloste) Fokusgruppen gedacht. Dazu nicht öffentliche „Salons“ für gezielt einzuladende Stakeholder.

Die Studie stellt ein in sich geschlossenes Konzept für die deliberative Begleitung von klimawandelbedingten Transformationsprozessen dar. Sie ist ebenso umfassend wie konkret und damit absolut eine Leseempfehlung.

Ob am Ende angesichts der Tiefe der zu erwartenden Transformationen und der letztlich zu erwartenden umfangreichen Konflikte in und mit erheblichen Teilen der Bevölkerung Deliberation, also die Beteiligung weniger Ausgeloster oder Ausgewählter ausreicht, um „eine breite gesellschaftliche Zustimmung und Trägerschaft für Maßnahmen“ zu erreichen, darf kritisch hinterfragt werden. Es wäre jedoch nicht fair, dies den Autor*innen der Studie (Mitarbeitende von Klimamitbestimmung e. V. ) vorzuwerfen. Ihr Auftrag war ein anderer.

Die vollständige Studie ist hier zu finden.

Diesen Beitrag teilen:

Das Magazin zur politischen Teilhabe

Gerne schicken wir eine kurze Email, sobald eine neue Ausgabe erscheint:

Weitere Artikel aus unserem Magazin

Schwerpunkt

Transformation und Partizipation

Die Klima- und Umweltkrise zwingt uns Menschen dazu, den Umbau unserer Gesellschaft hin zu einem konsequent an den Prinzipien der Nachhaltigkeit ausgerichteten Denken und Handeln ernsthaft voranzubringen. Wie kann dies gelingen, ohne unsere Gesellschaft zu zerreißen? Und welche Rolle kann Partizipation dabei spielen?

Artikel lesen
Kommentar

„Neue Solidarität“

Unsere Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen. Klimawandel, finanzielle Ungleichheit und demografischer Wandel sind hier nur einige Beispiele. Wie können wir damit umgehen? Martin Müller ist der Meinung, wir müssen als Gesellschaft kollektiv Verantwortung übernehmen; es braucht eine eine „Neue Solidarität“, die Klassen- und Altersgrenzen überwindet. Und auch den Weg dorthin skizziert Martin Müller in seinem Kommentar.

Artikel lesen
Literatur

Konflikte: Ressource oder Risiko?

Das Leben ist voller Konflikte, und nicht alle lassen sich lösen. Klaus Eidenschink beschreibt die Kunst des Konflikts als Fähigkeit, sinnvolle Konflikte zu eröffnen, nutzlose zu beenden und die restlichen klug zu regulieren .

Artikel lesen
Best Practice

Wie grenzüberschreitende Jugendbeteiligung gelingt

Ab 2029 verbindet ein kombinierte Straßen- und Schienentunnel die dänische Insel Lolland mit der deutschen Insel Fehmarn. Doch was bedeutet das für die Region? Junge Menschen aus Deutschland und Dänemark wurden eingeladen, die Zukunft in der Grenzregion gemeinsam zu gestalten. Thomas Waldner berichtet über den Prozess, bei dem Schülerinnen und Schüler zu Absendern statt zu Adressaten werden.

Artikel lesen
Best Practice

Jugend-Kultur-Schmiede ERZ

Die Beteiligung junger Menschen ist ein zentraler Baustein für eine lebendige Demokratie. Doch gerade im ländlichen Raum fehlen oft Strukturen, um Jugendpartizipation nachhaltig zu verankern.

Artikel lesen
Best Practice

Hybride Beteiligung in der Quartiersentwicklung

Der Stadtrat stimmt für einen städtebaulichen Vorschlag, eine Bürger*inneninitiative kritisiert das. Die Zeichen stehen auf Konflikt. Spannende Vorbedingungen für eine Bürgerbeteiligung. Kathleen Wächter berichtet über den hybriden Beteiligungsprozess in Magdeburg und stellt interessante Schlüsse aus den Erfahrungen vor.

Artikel lesen
Best Practice

Alle sollen mitmachen – aber wie?

Inklusiv und möglichst die erreichen, die sonst nicht mitmachen – das ist ein oft erhobener Anspruch an Beteiligungsprozesse. Wie könnte das gelingen? Ein Praxisbeispiel aus Berlin – Neukölln.

Artikel lesen
Literatur

Workshop Roadmap

Beteiligungsprozesse finden häufig in Form von Workshops statt. Ein aktuelles Buch bietet umfangreiche Tipps und Tools für die Entwicklung, Organisation und Durchführung von Workshops in unterschiedlichen Formaten.

Artikel lesen
Best Practice

Wie aus Ideen Zukunft wird

Stadtentwicklung ist ein bekanntes Thema in der Beteiligung. Bekannt sind auch die Herausforderungen, die solche Prozesse bezwingen müssen. Wie können möglichst viele Bürger*innen informiert und beteiligt werden? Wie können innovative Ideen entwickelt werden? Und wie werden aus Ideen Visionen? Christina Schlottbom gibt einen spannenden Einblick in das Projekt „Zukunft_Garrel“.

Artikel lesen