Ein Interview mit Maja Wallstein (MdB)

Über die Wichtigkeit von digitaler Beteiligung und Moderation

Maja Wallstein ist Mitglied des Deutschen Bundestages. Außerdem ist sie Mitglied im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung sowie im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung und Sprecherin ihrer Fraktion in der Arbeitsgruppe „Strategien gegen Rechtsextremismus“. Sie hat sich beruflich bereits viel mit (digitaler) Bürgerbeteiligung auseinandergesetzt.

Frau Wallstein, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für ein Interview für unser Magazin ‚BETEILIGEN!‘.

1. Welche Schwerpunkte haben Sie in der SPD-Bundestagsfraktion und haben Sie schon mal vom Fachverband Bürgerbeteiligung gehört und ganz speziell von unserem Magazin ‚BETEILIGEN!‘?
Ich bin Mitglied im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung sowie im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung. Außerdem bin ich Sprecherin meiner Fraktion in der Arbeitsgruppe „Strategien gegen Rechtsextremismus“.
Vom Fachverband Bürgerbeteiligung habe ich natürlich schon gehört, aber mit Ihrem Magazin ‚BETEILIGEN‘ bin ich bisher noch nicht in Berührung gekommen.

 

Zu unserem Thema „Digitalisierung und Bürgerbeteiligung“:
2. Warum ist Digitalisierung heute so zentral für die Bürgerbeteiligung, und welche Chancen ergeben sich daraus?
Für mich ist das logisch: Genau wie sich unsere analoge Welt zunehmend im Digitalen abspielt, muss auch Bürgerbeteiligung dort möglich sein. Ich finde, wir brauchen Angebote genau da, wo die Bürger*innen sowieso schon sind. Wenn die Leute viel Zeit online verbringen, brauchen sie auch die Möglichkeit, sich an der Gestaltung ihrer Gemeinschaft zu beteiligen. Das heißt, wir können die Leute da erreichen, wo sie leben und kommunizieren.

 

3. Welche konkreten Instrumente und Plattformen setzen Sie ein, um Bürgerinnen und Bürger digital einzubinden? Wie integrieren Sie klassische Beteiligungselemente damit?
Natürlich nutze ich Social Media. Dort bekomme ich regelmäßig Fragen, Anfragen und Anregungen von Menschen nicht nur aus meinem Wahlkreis. Allerdings muss ich dabei auch feststellen, dass nicht immer nur echte Bürger*innen interagieren, sondern teilweise auch Bots. Deshalb setze ich stark auf direkten Kontakt: Ich laufe in diesem Jahr das 6. Jahr in Folge mit meiner ZuhörTour durch jeden Ort meines Wahlkreises. Ganz analog, bis zu 600 Kilometer jedes Jahr zu Fuß. So komme ich sehr unmittelbar mit den Menschen in Kontakt, nehme mir die Zeit, ihnen zuzuhören und nehme Anliegen mit, versuche konkrete Probleme direkt zu lösen. Das ist für mich ein sehr direkter und unverzichtbarer Kontakt, den ich mit den digitalen Kanälen verbinde.

 

4. Wie gehen Sie konkret mit digitalen Barrieren und ungleichen digitalen Kompetenzen um?
Das ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Digitale Technologien müssen so gestaltet werden, dass niemand zurückgelassen wird. Wir können nicht einfach eine App bauen und erwarten, dass alle wissen, wie man sie bedient. Deshalb setzen wir auf ein ‚Hybrid-Modell‘. Digitale Angebote müssen immer mit analogen Unterstützungsstrukturen verknüpft sein – etwa durch Bürgerbüros, Schulungen in Volkshochschulen oder niedrigschwellige Hilfestellungen vor Ort. Zudem müssen die Plattformen barrierefrei gestaltet, also auch für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen nutzbar sein. Wenn wir nur die Digitalkompetenten erreichen, vergrößern wir nur die Schere in der Gesellschaft. Gerechtigkeit bedeutet hier: Zugang für alle, unabhängig vom Einkommen oder der technischen Affinität.

 

5. Können Sie ein Beispiel für eine erfolgreiche digital-gestützte Bürgerbeteiligung nennen und erklären, warum es funktioniert hat?
Als erfolgreiches Beispiel für eine digital-gestützte Bürgerbeteiligung möchte ich die Bürgerhaushalte nennen. Das Prinzip dahinter ist, dass jeder Einwohner Vorschläge für den städtischen Haushalt machen kann. So können die Bürger direkt mitbestimmen, wofür öffentliche Gelder ausgegeben werden.
In Potsdam können sich Bürgerinnen und Bürger im Rahmen eines komplexen medienübergreifenden Verfahrens sowohl übers Internet als auch über klassische Kanäle beteiligen. Die digitale Beteiligung funktioniert technisch sehr gut.
In Cottbus, meiner Heimatstadt, in der ich auch Stadtverordnete bin, gibt es Diskussionen über die Einführung eines Bürgerhaushalts, von einem digitalen Angebot sind wir noch entfernt.

In der SPD arbeiten wir gerade an einer Überarbeitung unseres Grundsatzprogramms. Alle SPD-Mitglieder sind eingeladen, sich zu beteiligen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu beteiligen, auch digital. So findet jeder seine bevorzugte Beteiligungsart. Der Prozess läuft noch, aber ich bin schon sehr gespannt auf das Ergebnis.

 

6. Welche Herausforderungen sehen Sie künftig bei der Digitalisierung der Bürgerbeteiligung?
Die größte zukünftige Herausforderung sehe ich in der Skepsis vieler Bürger*innen gegenüber digitalen Angeboten.
Viele Menschen stehen der Digitalisierung in diesem Bereich noch misstrauisch gegenüber. Um diese Hürde zu überwinden, ist es meiner Meinung nach notwendig, mit Transparenz, Aufklärung und Prävention zu arbeiten. Nur so lassen sich die Bedenken der Bevölkerung ausräumen und das Vertrauen in digitale Beteiligungsverfahren stärken.

 

7. Welche praktischen Tipps haben Sie für Kommunen, die Digitalisierung stärker in die Bürgerbeteiligung integrieren möchten?
Als Stadtverordnete in Cottbus habe ich gelernt, dass man nicht einfach eine teure Software kaufen und erwarten kann, dass die Bürger*innen von selbst kommen. Mein wichtigster Tipp lautet daher: Starten Sie mit einem klaren Ziel und bleiben Sie absolut transparent. Die Menschen müssen verstehen, wozu das digitale Tool dient und vor allem, wie ihre Vorschläge tatsächlich in politische Entscheidungen einfließen. Wenn das Gefühl entsteht, es handele sich nur um ein „Alibi-Projekt“, sinkt die Akzeptanz sofort.
Zweitens: Wenn man es macht, muss man dafür sorgen, dass es nicht nur die Verstärkung von bereits bestehenden digitalen Echokammern ist. Es bringt nichts, zum Beispiel eine Online-Abstimmungsplattform einzuführen, auf der Bürgerinnen und Bürger zu aktuellen Anträgen der Stadtverordnetenversammlung ihr Votum abgeben können, das aber dann zu verzerrten Bildern führt, weil zu bestimmten Themen bestimmte Akteure mobilisieren. Das hat nur einen kurzfristigen und frustrierenden Effekt.
Und drittens: Verlassen Sie sich niemals auf den rein digitalen Kanal allein. Bieten Sie immer auch niedrigschwellige analoge Unterstützung an, etwa in Bürgerzentren oder durch Schulungen vor Ort. Nicht jeder hat zu Hause einen schnellen Internetanschluss oder die nötigen digitalen Kompetenzen. Ein hybrides Modell, bei dem digitale Tools und persönliche Gespräche Hand in Hand gehen, ist der einzige Weg, um wirklich alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen und niemanden auszuschließen.

 

8. Welche Rolle spielt die Moderation in digital gestützten Bürgerbeteiligungsprozessen?
Moderation ist im digitalen Raum sogar noch wichtiger als in der analogen Welt. Im Internet verbreiten sich Hasskommentare, Desinformationen und Polarisierungen oft schneller. Eine gute Moderation sorgt dafür, dass der Diskurs sachlich und konstruktiv bleibt. Es geht nicht darum, Meinungen zu zensieren, sondern darum, sicherzustellen, dass alle Stimmen gehört werden und keine Gruppe durch Toxizität zum Schweigen gebracht wird. Moderatoren müssen auch erkennen können, wann Bots oder organisierte Kampagnen versuchen, den Prozess zu manipulieren. Ohne diese aktive Begleitung kann ein Beteiligungsverfahren schnell im Chaos enden, das mehr schadet als nützt.

 

9. Zum Abschluss: Welche Botschaft möchten Sie Bürgerinnen und Bürgern heute mit auf den Weg geben?
Meine Botschaft lautet: Bleiben Sie neugierig und kritisch! Die Digitalisierung ist ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Nutzen Sie die neuen Möglichkeiten, um Ihre Interessen einzubringen. Aber vertrauen Sie nicht blind Algorithmen. Demokratie lebt vom Miteinander, vom Zuhören und vom Diskutieren, sei es auf einer Straße in Cottbus, in Spree-Neiße, im Deutschen Bundestag oder in einem digitalen Forum. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn es mal nicht so läuft. Wir müssen gemeinsam lernen, wie wir diese Werkzeuge nutzen können, um unsere Dörfer, Städte und unser Land demokratischer und gerechter zu machen. Ihr Engagement zählt und wir brauchen Sie!

 

Maja Wallstein wurde in Cottbus (ehemals DDR) geboren und aufgewachsen. Nach ihrem Abitur absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Seniorenresidenz in Frankreich. Sie studierte in Potsdam und Krakau Politik, Verwaltung und Polonistik. Ihr Weg in die Politik führte über das Engagement im Fußball: Maja Wallstein ist ehrenamtlich Fußballschiedsrichterin und war von 2015 bis 2017 Landesvorsitzende der Jusos Brandenburg. Bevor sie 2021 in den Bundestag einzog, war sie als Referentin für politische Kommunikation und Wissenschaftspolitik bei der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e.V. tätig. Seit 2021 ist Maja Wallstein gewählte Bundestagsabgeordnete der SPD für den Wahlkreis Cottbus – Spree-Neiße. Sie versteht sich als Unparteiische, aber nicht als Parteilose. Bild: © Maja Wallstein/ Susie Knoll
Diesen Beitrag teilen:

Das Magazin zur politischen Teilhabe

Gerne schicken wir eine kurze Email, sobald eine neue Ausgabe erscheint:

Weitere Artikel aus unserem Magazin

Medien

Partizipedia

Wikipedia ist heutzutage praktisch die umfangreichste und am leichtesten zugängliche Lexikon der Welt. Partizipedia klingt ähnlich. Und das ist auch sein Ziel. Es geht um die Idee, zentrale Aspekte und Qualitätsmerkmale guter Bürgerbeteiligung in 100 Stichworten zu erläutern.

Artikel lesen
News

Berlin und Bürgerbeteiligung

Am 09.06.2026 hat der Fachverband Bürgerbeteiligung zu einer Veranstaltung eingeladen: „Zukunft der Bürgerbeteiligung in Berlin“. Eingeladen waren Vertreter aller demokratischen Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses. Sie sprachen über die Entwicklung der Bürgerbeteiligung in Berlin in den letzten Jahren und darüber, was sie vielleicht anders machen würden, wenn sie nach der Wahl im September an der Regierung beteiligt sind.

Artikel lesen
Kommentar

Wie parteilich dürfen wir sein?

Der Beteiligung wird eine wichtige Rolle bei der Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft zugesprochen. Wie aber kann die Beteiligung diese Rolle erfüllen? Wie kann sie die zahlreichen Herausforderungen überwinden und den Anforderungen gerecht werden?

Artikel lesen
Der Querulant

Transformation auch in der Bürgerbeteiligung

In unserer digital vernetzten Welt ist es kaum noch möglich, einen Kaffee zu trinken, ohne dass jemand online eine Petition startet, eine Bürgerinitiative ins Leben ruft oder eine Hashtag-Kampagne lostritt. Dabei fühlt es sich manchmal an, als ob jeder eine Meinung hat – nur keiner wirklich zuhört. Wie kann da noch ein sinnvoller Diskurs stattfinden?

Artikel lesen
Interview

Eine Demokratie, die alle mitdenkt, wird für alle stärker

Inklusion ist ein wichtiges Thema in der Demokratie. Der Anspruch ist, dass alle Menschen – unabhängig von körperlichen, geistigen, kulturellen oder sozialen Voraussetzungen – gleichberechtigt mitwirken können. Für die Bürgerbeteiligung ergibt sich daraus eine doppelte Relevanz: Inklusion als Thema, aber auch als methodischer Anspruch. Wir sprechen darüber mit Mohamed Zakzak

Artikel lesen
Interview

Ein Interview mit Maja Wallstein (MdB)

Maja Wallstein ist Mitglied des Deutschen Bundestages. Außerdem ist sie Mitglied im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung sowie im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung und Sprecherin ihrer Fraktion in der Arbeitsgruppe „Strategien gegen Rechtsextremismus“. Sie hat sich beruflich bereits viel mit (digitaler) Bürgerbeteiligung auseinandergesetzt.

Artikel lesen
Best Practice

Der größte Lehrer Versagen ist. – Meister Yoda

Die wenigsten Dinge funktionieren beim ersten Versuch. Doch Fehler zu machen und zu scheitern sind grundlegend unterschiedlich. Wie steht es um die Fehlerfreundlichkeit in unserer Demokratie und welche Rolle sollte sie in der politischen Bildung spielen? Sweta Moser gibt einen Einblick in die Herausforderungen und spricht einen klaren Appell aus.

Artikel lesen
Interview

Flood the Zone with Love and Kindness

Marina Weisband ist Beteiligungspädagogin, Diplompsychologin und Autorin. Im Interview spricht sie über die Demokratie von heute, die Bedrohung des morgen und die Chancen für übermorgen, sowie über ihre persönlichen Erfahrungen mit Beteiligungsprozessen und wie gute Beteiligung gelingen kann.

Artikel lesen
Literatur

Workshop Roadmap

Beteiligungsprozesse finden häufig in Form von Workshops statt. Ein aktuelles Buch bietet umfangreiche Tipps und Tools für die Entwicklung, Organisation und Durchführung von Workshops in unterschiedlichen Formaten.

Artikel lesen